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Value-Investing: Chance oder Auslaufmodell?

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Als Value-Investor hat man es seit längerer Zeit nicht leicht. Während der aktuell laufenden Hausse haben Wachstumsaktien die guten alten Value-Werte klar abgehängt. Die Frage, die sich stellt ist: Ist der Value-Ansatz überhaupt noch sinnvoll beim persönlichen Vermögensaufbau mit Aktien?

Es gibt einige Sektoren, die aktuell echte Value-Unternehmen enthalten!

Dabei gibt es derzeit genügend Auswahl an Aktien, die auf den Kriterien Wert und Qualität beruhen. Denken wir nur an die Pharma-Branche, die Automobilbranche oder Unternehmen aus dem Finanzsektor, die zum Teil mit einstelligen KGVs bewertet sind und gleichzeitig überdurchschnittlich hohe Dividendenrenditen aufweisen. Aber die Kurse solcher Unternehmen dümpeln seit Jahren vor sich hin. Im schlimmsten Fall – und das ist gar nicht so selten – sind die Aktienkurse massiv gefallen. Warum greift hier keiner zu und kauft? 

Das trifft übrigens auch auf Value-ETFs zu. Auch diese weisen seit einigen Jahren eine Unterperformance gegenüber Wachstums-ETFs auf und die Kurse befinden sich auf einem attraktiven Einstiegsniveau, wie ich in diesem Artikel erläutert habe.

Das Problem ist vielschichtig. Klassische Bewertungskriterien wie KGV, Dividendenrendite, Eigenkapital, Gewinnsteigerung, Buchwert u.ä. haben für sich genommen immer noch ihre Berechtigung. Die große Frage jedoch ist, inwiefern diese Kriterien die zukünftige Entwicklung des Unternehmens darstellen können? 

Value und Growth anhand von zwei Beispielen: Altria und 3D Systems!

Screenshot von www.finviz.com

Ein Unternehmen wie Altria ist quasi eine Geldmaschine. Die Bewertung ist so niedrig wie nie zuvor. Die Qualität des Unternehmens ist hervorragend. Aber wie geht es mit dem Rauchen weiter? Kann man den Statistiken der vergangenen Jahrzehnte vertrauen, dass immer weiter geraucht wird – von immer mehr Menschen übrigens, da ja das Bevölkerungswachstum zunimmt? Oder greifen in den Zigarettenkonsum staatliche Stellen regulierend ein, um ein enormes Gesundheitsrisiko zu minimieren? Der Markt ist sich unsicher und deshalb notiert die Altria-Aktie so niedrig und schreit förmlich nach einem Kauf. Aber keiner hört hin. (Anmerkung: Ich bin in Altria long investiert!)

Screenshot von www.finviz.com

Nehmen wir als Beispiel für die andere Seite der Medaille das Unternehmen 3D Systems. Die Firma stellt 3D-Drucker speziell für den Einsatz in der Medizintechnik her. Man kann mit den Druckern von 3D Systems zum Beispiel Armprothesen herstellen. In einigen Jahren wird es möglich sein, in Serie innere Organe zu produzieren. Das verspricht einen riesigen Markt. Aktuell sind die fundamentalen Zahlen des Unternehmens grauenhaft. Keine Gewinne, keine Dividenden, hohe Kosten für Forschung und Entwicklung.

Was könnte in Zukunft passieren bei Altria und 3D Systems?

Doch es ist denkbar, dass 3D Systems in einigen Jahren aufgrund seines Geschäftsmodelles ein echtes Value-Unternehmen sein könnte, während Altria gleichzeitig ein Nischendasein führt. Der Gedanke an einer Neuformulierung des Begriffs „Value-Unternehmen“ führt dazu, sich heute schon vorzustellen, was in ein paar Jahren passieren könnte. Als neues Value-Kriterium könnte man also Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens formulieren. Es ist die Vorwegnahme der Zukunft, sodass sie heute schon als eines der wichtigsten Kriterien für Value einbezogen wird, wenn man Unternehmen bewertet.

Warren Buffett war hier wieder einmal seiner Zeit voraus. Als klassischer Value-Investor hat er den Kriterien seines Vorbildes Benjamin Graham sehr früh in seiner langen Laufbahn als Value-Investor den Begriff des „Burggrabens“ hinzugefügt. Er hat bei der Auswahl der Unternehmen, in die er investiert hat, die Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells einbezogen. Nur so konnte er seine berühmte „Buy-and-hold“-Strategie überhaupt so erfolgreich durchsetzen. Deshalb muss man sich als Investor heutzutage sehr intensiv mit dem Geschäftsmodell eines Unternehmens auseinandersetzen. Und dieses in eine nicht bekannte Zukunft übertragen. Das ist die eigentliche Herausforderung.

Marktzyklik: Value-Aktien und Growth-Aktien wechseln sich bei der Performance ab!

Ein anderer Aspekt ist die gegenläufige Zyklik, die es schon immer bezüglich dem Verhältnis von Value- zu Wachstumsaktien gab. Es gab immer schon Perioden, in denen die eine Anlagestrategie der anderen überlegen war, weil die Masse der Anleger folgte – und vice versa. Aktuell ist Value out und Growth is King! Das führt jedoch dazu, dass Growth-Aktien zum Teil unverschämt hohe Bewertungskriterien aufweisen, die unmöglich linear in die Zukunft fortgeschrieben werden können. Nehmen wir an, dass dieser Gedanke stimmt, dann müsste sich dieser Zyklus in Zukunft wieder umdrehen. Dann würden die Wachstumswerte verkauft, bis die Überbewertung abgebaut ist und parallel dazu sollten Value-Aktien steigen, da sie aktuell extrem unterbewertet sind. 

Wie lange dauert die Outperformance von Growth-Aktien gegenüber Value-Aktien noch an?

Die aktuelle Phase der disruptiven Veränderung im Technologie-Bereich hält diesen normalen Zyklus derzeit auf. Die Frage ist, wie lange hält dieser Zustand an? Die Veränderungen, Entwicklungen und Erfindungen im Technologie-Bereich müssten also permanent und nachhaltig sein. Es müsste eine stetige Weiterentwicklung von Produkten und Dienstleistungen stattfinden mit immer neuen Innovationen und Anwendungen, die für die breite Masse der Nutzer bezahlbar und verständlich ist. In diesem Fall werden Value-Aktien auch in den nächsten Jahren ein Nischendasein fristen. Sobald es im Technologie-Bereich aber zu einer Sättigung kommt, was ein Null-Wachstum bei Umsatz und Gewinn der betreffenden Unternehmen zur Folge hätte, dann werden Value-Aktien wieder schnell in Mode kommen. Gut beraten ist derjenige, der vorher sein Depot mit unterbewerteten Unternehmen aus dem Value-Bereich bestückt hat.

Photo by Nikita Kachanovsky on Unsplash

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