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Buchtipp: Daniel Kahneman „Schnelles Denken, langsames Denken“

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Prämisse vorab: Die Grundlagen und Kriterien, aufgrund derer ich bisher Dinge beurteilt und entschieden habe und letztendlich meine Handlungen danach ausgerichtet habe – sind womöglich alle falsch. Zumindest muss ich anerkennen, dass sie mit maßgeblichen Fehlern bestückt sind.

Die Idee, dass man durch seine vernünftigen Entscheidungen sein Leben kontrollieren kann, ist zumindest fragwürdig für mich geworden. Alles, was ich bisher als praktikabel angesehen habe zu diesem Thema, ist wahrscheinlich falsch. So viel hat das Buch mir bereits gebracht. Und das soll durchaus nicht ironisch klingen und auch nicht enttäuscht. Im Gegenteil, ich bin sehr froh darüber, dass ich dieses Buch endlich lese. Immerhin steht es schon seit 2012 in meiner privaten Bibliothek. Aber das richtige Buch braucht eben oft den richtigen Moment. Es braucht die Bereitschaft des Lesenden. In der richtigen Verfassung und mit der nötigen Offenheit liest sich ein bestimmtes Buch ganz anders. Man kann dann viel mehr daraus lernen. Und so musste auch der Kahneman auf den richtigen Moment warten. Aber ich bin offenbar gerade offen für diese neuen Gedanken und Überlegungen. Steigen wir ins Thema ein.

Es gibt zwei Entscheidungssysteme im Gehirn, die unser Leben lenken und beeinflussen! Sie sind grundverschieden!

Die Intuition jedes einzelnen basiert auf persönlichen individuellen Erfahrungen und Erlebnissen. Dieses Intuitive spielt bei der Beurteilung von aktuellen Geschehnissen und  Situationen, bei der schnellen Beurteilung von anderen Menschen, bei der Beurteilung von Investment-Entscheidungen und vielem mehr eine viel größere Rolle als wir meinen. 

Ein Buch, dass ich zu den einflussreichsten zähle, die ich je gelesen habe.

Kahneman war mit seinem Mitstreiter Amoz Tversky der erste Psychologe, der ein neues Prinzip in der Psychologie und der Verhaltensökonomik einführte. Nämlich das Prinzip der zwei Entscheidungssysteme im Gehirn. Es gibt das intuitive System und das rationale System. Er nennt diese in seinem Buch der Einfachheit halber System eins und System zwei. Viele seiner Tests und Studien haben im Laufe der Jahrzehnte ergeben, dass System zwei – also das rationale, abwägende, überlegt urteilende, kontrollierende und statistisch denkende System – von seiner Struktur her betrachtet ein „faules“ System ist. Es will sich nicht anstrengen. Deshalb weicht es in den meisten Fällen auf System eins aus. Dieses hat den Vorzug, blitzschnell eine Situation erfassen und vor allem einordnen zu können. Diese Einordnung und Beurteilung geschieht in dem Sinne, dass es Verbindungen und Kausalitäten zu vergangenen Erlebnissen und ähnlichen Situationen herstellt. Ebenso bezieht es Dinge ein, die man gehört oder gesehen hat (das sind so genannte „Anker“), stellt einen Bezug  zur aktuellen Umgebung her, in der man sich gerade befindet und zu der auch die unmittelbar beteiligten Personen gehören. Es kann innerhalb kürzester Zeit – wir sprechen hier von Bruchteilen einer Sekunde – ein bestimmtes Verhaltensmuster abrufen, welches die beste Reaktion auf das aktuelle Geschehen ist. 

System eins entscheidet fast immer intuitiv und auf der Grundlage unzureichender Informationen!

Das Problem ist nur, dass System eins zum großen Teil Zusammenhänge herstellt, die in dem Moment gar nicht vorhanden sind, wenn man es rational betrachten würde. Da eine rationale Betrachtung aber von System zwei vorgenommen wird und sich System eins oftmals „vordrängelt“, kann das Überlegte und sorgfältig Urteilende fast nie bei spontanen Erfordernissen zum Einsatz kommen. System eins überbewertet und erfindet sogar Zusammenhänge und stellt trotzdem permanent diverse Verhaltensmuster zur Verfügung, die man nur zu gern verwendet. Warum? Weil es mit genau den selben Verhaltensmustern in der Vergangenheit  so und so oft geklappt hat und man entsprechend gute Erfahrungen und Erinnerungen mit diesem bestimmten Verhaltensmuster verknüpft. Warum sollte man also in einer ähnlichen Situation nicht genau das selbe Verhaltensmuster einsetzen? Warum sich dem Unbekannten aussetzen, wenn das Bekannte vermeintlich Sicherheit bietet?

System eins sorgt für Wohlfühl-Atmosphäre mit einfachen Lösungen und dem Bauchgefühl!

System eins ist niemals kritisch sich selbst gegenüber. Es sucht immer nach Lösungen, die für Zufriedenheit, Glücksgefühl und Sicherheit sorgen. Das hilft und beschützt uns in vielen Situationen und oftmals liegen wir mit genau dieser intuitiven Auffassungsgabe und Entscheidungsfindung goldrichtig. Intuition ist grundsätzlich gut. Das Bauchgefühl, dass viele haben, ist wichtig und man sollte es in seine Entscheidungen unbedingt mit einbeziehen. Aber es sollte nicht zu dominant werden. Nur weil es einfach ist, System eins die komplette Kontrolle über unsere Lebensentscheidungen zu überlassen, muss das nicht immer die beste Wahl sein. Denn System eins ist mehr oder weniger ein zufallsbasiertes System. 

Die meisten unserer Entscheidungen treffen wir auf zufälliger Basis!

Der Zufall spielt offenbar bei unseren Entscheidungen – egal wie klein und unbedeutend oder wie lebensentscheidend diese sind – eine größere Rolle, als man sich das bisher vorstellen wollte. Das stellt uns natürlich vor ein Dilemma. Würden wir das zufallsbasierte System eins mit seinem Einfluss auf die Masse unserer Entscheidungen nicht mehr als solches anerkennen, müssten wir gleichzeitig anerkennen, dass wir weniger brillant, überlegt nachdenkend und rational sind als wir meinen. Mit der Anerkennung der Tatsache, dass sehr viele unserer Entscheidungen zufallsbasiert sind, kommt man sehr schnell zu dem Schluss, dass man ein Ego-Problem hat. Wer will sich damit wirklich auseinander setzen? Wer gibt schon gerne zu, dass die meisten seiner Entscheidungen genauso gut oder schlecht sind wie eine Münze zu werfen? Wir alle streben danach, unser Leben zu kontrollieren. Man eignet sich im Laufe der Zeit viele Fähigkeiten und Verhaltensweisen an, um dieses herausfordernde Leben meistern zu können. Man sammelt Erfahrungen, probiert Dinge aus. Manche Gewohnheiten behält man bei. Andere schafft man wieder ab. Ein permanenter Entwicklungsprozess ist das. Man macht und tut, ist immer in Bewegung. Man hat die Kontrolle über sein Leben. Hat man die wirklich?

Wer behauptet, rationale Entscheidungen zu treffen, leidet an kognitiver Verzerrung!

Das Eingeständnis, dass die Masse der Entscheidungen auf Zufall basiert, kann den einzelnen natürlich in eine größere Identitätskrise stürzen. Weil das ja bedeutet: Da gibt es nichts zu kontrollieren. Da ist nur ganz viel spontanes intuitives, schnelles Beurteilen einer Situation und die Möglichkeit, diese leicht, bequem und möglichst zufriedenstellend für alle Beteiligten zu klären. Dieser Ablauf kann unmöglich mit unserer Vorstellung von Kontrolle und überlegtem Handeln in Übereinstimmung gebracht werden. Deshalb ignorieren wir die Macht von System eins und beharren darauf, dass wir überlegt, prüfend, analytisch, statistisch, nach-denklich und rational sind. Kein Irrtum ist größer als dieser. Aber bevor man zu enttäuscht ist von dieser Erkenntnis, redet man sich weiterhin das Märchen vom rationalen Menschen ein. In der Wirtschaft und an der Börse gibt es dafür den Begriff „Homo Oeconomicus“. Viele Analysten und Börsen-Gurus in den sozialen Medien behaupten, genau dieser Mensch zu sein und ihre Anlage-Entscheidungen nach rationalen Kriterien und vollkommen emotionslos treffen zu können. Diese Menschen leiden ohne es zu wissen an einer kognitiven Verzerrung, schreibt Kahneman in seinem Buch. In diesem Falle schätzen Sie ihre Fähigkeiten viel zu hoch ein und um den Nimbus des rationalen Analysten aufrechtzuerhalten, ignorieren sie die Macht der Intuition. Sie ignorieren ebenso den Einfluss des Subjektiven und des Emotionalen. 

Intuitionen und Emotionen sind gut! Aber sie müssen überprüft werden, sobald es um wichtige Entscheidungen geht.

Dabei muss genau das nicht schlecht sein. Intuition und Emotion sind als erster Impuls und als erster Gedanke quasi der Stichwortgeber für eine Idee. Es kann nichts Besseres geben als die Intuition, wenn es um den ersten Impuls für oder gegen etwas geht. Unser schnell denkendes Gehirn ist voller emotionaler Erlebnisse und verfügt damit über unzählige Vergleichsmöglichkeiten und mögliche Zusammenhänge, die es blitzschnell abrufen kann. Es ist wie geschaffen dafür, ständig neue Anregungen, Ideen und Überlegungen anzustellen. Es gibt unzählige Varianten vor, wie aktuelle oder künftige Situationen kreiert und gemeistert werden können. Auf diese mächtige Kraft der Intuition will man nicht verzichten. Sollte man auch nicht. Wer aber zusätzlich so smart ist und sein „langsames Denken“ – prüfend, rational urteilend und analytisch – als Kontrollinstanz dazu nimmt, der schafft eine qualitative Verbesserung für seine Entscheidungen.

System eins fungiert als Ideengeber! System zwei kontrolliert auf Basis möglichst vieler Informationen! 

Wie das funktioniert? System eins liefert die Idee beziehungsweise hat ein „Gefühl“ für etwas. System zwei kontrolliert das Gefühl und bewertet es nach rationalen Kriterien. Hierbei bezieht es alle verfügbaren Informationen ein. Auch die, die nicht auf eigenen Erfahrungen und Erlebnissen beruhen. Vor allem die, die nicht auf eigenen Erfahrungen und Erlebnissen beruhen!

Im Endergebnis müsste diese Kombination für sehr viel bessere Ergebnisse sorgen. Vor allem bei Planungen (auch im privaten Bereich), Finanzen, bei Arbeits- und Organisationsprozessen sollte diese Kombination von System eins und System zwei vor größeren Fehlentscheidungen schützen. Der Zufall sorgt ja oft für nette Abwechslungen im Leben. Es gibt aber Lebensbereiche und Situationen, wo man gut darauf verzichten kann. Einfach ist das nicht. Aber mit der Lektüre von Daniel Kahnemans Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ kommt man der Erkenntnis einen großen Schritt näher. So viel kann ich versprechen.

Photo by Milada Vigerova on Unsplash

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