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Dunning-Kruger-Effekt: Von Wissen und Nichtwissen!

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Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet eine kognitive Verzerrung, die zu einer Fehleinschätzung des Wissens und der eigenen Fähigkeiten führt. Das trifft zum Großteil auf Anfänger zu, die etwas Neues beginnen und sich meistens komplett überschätzen. Aber auch erfahrene Anleger sind betroffen. Im Börsengeschäft kann der Dunning-Kruger-Effekt bei Anfängern zu einer emotionalen und finanziellen Achterbahnfahrt führen.

Die Sozialpsychologen David Dunning und Justin Kruger haben bei einer 1999 veröffentlichten Studie festgestellt, dass Unwissenheit oft zu mehr Selbstvertrauen führt als Wissen. Ausgehend von dieser Idee, forschten sie weiter und fanden heraus, dass Menschen mit weniger Wissen 

  • dazu neigen, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen, 
  • überlegene Fähigkeiten bei anderen nicht erkennen, 
  • das Ausmaß ihrer Unwissenheit nicht richtig einschätzen, 
  • durch Bildung oder Übung nicht nur ihre Kompetenz steigern, sondern auch lernen können, sich und andere besser einzuschätzen. (Quelle: Wikipedia)

Wer also etwas Neues lernt, zum Beispiel, wenn er anfängt, sich mit Finanzen und Vermögensaufbau zu beschäftigen, kommt schnell an den Punkt, an dem er der Meinung ist, dass er viel weiß. Irgendwie logisch, denn wer wirklich gar nichts weiß, für den ist jede neue Information so etwas wie eine geistige Offenbarung. 

Das Problematische dabei ist, dass diejenige Person – gerade weil sie so schnell neues Wissen gewinnt – genauso schnell davon ausgeht, dass sie das Thema komplett verstanden hat und schon tief in der Materie steckt. Die Folge sind Selbstüberschätzung des eigenen Wissens und Erfahrungen und daraus folgend extreme Fehleinschätzungen beim Handeln an der Börse. 

Nicht zufällig beginnen Anfänger an der Börse oftmals mit kurzfristigem Trading. Dabei passiert es gar nicht so selten, dass die ersten Trades wunderbar laufen und der Neuling mühelos die ersten Gewinne verbuchen kann. In Folge dessen schätzt sich diese Person schnell als sehr erfahren ein und wird mit jeder Bestätigung durch Gewinner-Trades mutiger. Genau hier liegt die Gefahr. Die Selbsteinschätzung, alles besser zu können als andere, führt zu einer verzerrten Sicht auf die eigenen Fähigkeiten.

Kognitive Verzerrung: das „Above Average Paradoxon“

Um das noch deutlicher zu machen, möchte ich ganz kurz das „Above Average Paradoxon“ ansprechen. Das betrifft übrigens die meisten von uns! Denn wir alle sind nicht besonders gut darin, unsere Leistungen in Relation zum Durchschnitt einzuschätzen. Darum geht es beim Above Average Paradoxon. 

Wenn ich jedem Leser jetzt die Frage stellen würde, ob sein Aktiendepot sehr gut diversifiziert ist und die Aktien und ETFs klug ausgesucht worden sind – dann würde beinahe jeder mit „Ja“ antworten.

Interessant ist dabei folgendes: Mathematisch ist dieses Ergebnis überhaupt nicht möglich. Wenn alle Befragten sich als überdurchschnittlich gut bezeichnen in der strategischen Aufstellung ihres Aktiendepots, dann würde der Durchschnitt mehr als 50 % betragen. Und das geht ja wohl schlecht. Also müssen einige von denen, die gerade gedacht haben, dass ihr Depot super aufgestellt ist, ganz offensichtlich voll daneben liegen mit ihrer Einschätzung. Ich will mich da überhaupt nicht ausklammern. Persönliche Selbsteinschätzung und Statistik passen nun mal selten zusammen. 

Wir müssen verstehen, dass unsere Kapitalanlage – immer – auch von einem Unterbewusstsein beeinflusst wird. Nicht der Kopf, sondern der Bauch bestimmt über das Schicksal des Anlegers.

Peter Lynch

Above Average Paradoxon bei Autofahrern!

Noch ein Beispiel: Dasselbe Phänomen gibt es auch, wenn man Autofahrer nach ihrem Fahrkönnen befragt. Die meisten von ihnen antworten, dass sie überdurchschnittlich gut Auto fahren. Und siehe da, es ist dasselbe Phänomen wie bei der Frage nach dem gut aufgestellten Aktiendepot. Es ist statistisch überhaupt nicht möglich, dass jeder oder zumindest die meisten überdurchschnittlich gut Auto fahren. Denn dann gäbe es keinen statistischen Mittelwert von 50 %. Das Above Average Paradoxon führt uns regelmäßig in die Irre, wenn es um die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten geht.

Zwei Möglichkeiten des Umgangs mit dem Dunning-Kruger-Effekt!

Womit wir wieder beim Dunning-Kruger-Effekt sind. Es stellt sich folgende Frage: Gibt sich diese Person mit dem zufrieden, was sie in kurzer Zeit gelernt hat und was dazu geführt hat, dass sie sich für den schlauesten unter den Schlauen hält? Oder lernt diese Person weiter? 

Die erste Möglichkeit wird früher oder später dazu führen, dass diese Person mit der harten Realität konfrontiert wird. Im Börsengeschäft sind das schlechte Trades, größer werdende Verluste durch zu große Positionen und zu weite Stopps. Im schlimmsten Fall führt das zur Liquidierung des Handelskontos. 

Was ist mit der zweiten Möglichkeit? Das ist der Weg der Erkenntnis. Und der ist nicht leicht zu gehen. Wenn die Person trotz der ersten Erfolge und der positiven Rückmeldungen bescheiden bleibt und weiter lernt, stellt sie nämlich verwundert fest, dass sie eigentlich immer noch nichts weiß. Konsequent zu Ende gedacht bedeutet das, dass ich umso weniger weiß, je mehr ich lerne und mir Wissen aneigne. In diesem Zusammenhang wird gern Sokrates zitiert:

Ich weiß, dass ich nicht(s) weiß.

Sokrates

Auf unser Geschäft bezogen heißt das: Es gibt an der Börse so viel Dinge, die man wissen könnte, es ist aber sinnlos ist, das mit letzter Konsequenz zu versuchen, denn darüber hinaus gibt es immer noch mehr Wissen. Das ist eine neverending story. Das liegt nicht zuletzt an der Komplexität der Finanzmärkte und der Irrationalität der Börsenteilnehmer. Diese Komplexität und Irrationalität bis ins Letzte „wissen“ zu wollen, ist unmöglich. Lebenslang lernen? Ja! Sich Wissen anzueignen, ist wunderbar. Aber das sollte einhergehen mit der Erkenntnis, dass ich niemals alles wissen kann und es immer wieder Dinge geben wird, die aus heiterem Himmel überraschend auf uns Börsenteilnehmer einstürzen.

Wie können wir die Erkenntnisse zum Dunning-Kruger-Effekt nutzen?

  • Als Anfänger solltest du dein Handeln regelmäßig reflektieren. Am besten schriftlich in einem Tradingjournal. Siehe hierzu auch mein Artikel, warum Schreiben so wichtig ist bei der Verbesserung deiner Handlungen
  • Wenn du von Anfang an in deiner Börsenkarriere bescheiden bleibst und weißt, dass du mehr oder weniger gar nichts weißt vom Börsengeschäft, wirst du keine harte Landung erleben. Du bleibst im Spiel und kannst mehr lernen und das Gelernte anwenden. 
  • Wenn du nach den ersten Erfolgen und der damit einhergehenden Euphorie zwangsläufig auf den Boden der Tatsachen gelandet bist (manche nennen es auch das „Tal der Verzweiflung“), dann lass dich nicht entmutigen und mach weiter. Hinfallen gehört zum Laufen lernen dazu. Einfach Staub abklopfen und weitermachen! Kontinuierlich an deiner mentalen Widerstandsfähigkeit und deinen Fähigkeiten arbeiten. Trader-Tipp: Verringere die Positionsgrößen der einzelnen Trades so weit, bis du keinen Stress mehr empfindest bei Buchverlusten oder realen Verlusten.
  • Bist du schon etwas erfahrener und hast möglicherweise schon den ein oder anderen Rückschlag mitgemacht, kannst du Anfängern helfen und sie motivieren, weiterzumachen.
  • Immer, wenn du etwas Neues lernst, kannst du dir den Dunning-Kruger Effekt ins Gedächtnis rufen. So bleibst du bescheiden und demütig, kannst von Anfang an dein Handeln reflektieren und gehst mit niedrigen Erwartungen an die Sache, die du lernen willst. Niedrige Erwartungen und eine Portion Skepsis bei deinem Handeln an der Börse zu haben, ist in diesem Zusammenhang ein guter Ansatz. Erstens wirst du deine Ziele leichter erreichen und somit motiviert bleiben. Zweitens ist die Enttäuschung nicht so groß, wenn einmal etwas schief geht. Und es wird vieles schiefgehen bei deinen Trades und Investitionen, so viel ist klar.

Dunning-Kruger-Effekt: Der Teufel steckt im Detail!

Ist es dir aufgefallen? Der vorletzte Punkt der Aufzählung beinhaltet ein wunderbares Paradoxon und ist gleichzeitig die Bestätigung für den Dunning-Kruger-Effekt. Was meine ich?

Wenn ein erfahrener Anleger mit einigen schönen und schmerzhaften Erfahrungen an der Börse etwas von seinen Niederlagen und Learnings an andere neue Börsenteilnehmer weitergeben möchte, passiert meistens folgendes: Die neuen Börsenteilnehmer sind oftmals gar nicht in der Lage, diese Hilfe anzunehmen. Das ist keine Bosheit von ihnen. Sie erkennen diese Hilfe gar nicht als Hilfe und Unterstützung an, sondern nehmen sie als persönliche Kritik wahr. 

Sie können diese Hilfe eines erfahreneren Akteurs an den Finanzmärkten deshalb nicht erkennen, weil sie dafür gar nicht empfänglich sind. Grund ist exakt der Dunning-Kruger-Effekt. 

Die neuen Börsenteilnehmer befinden sich oft in der Phase, in der ihnen vieles gelingt. In der sie positives Feedback erhalten für das, was sie tun. Und das schreiben sie ihrem „glücklichen Händchen“ zu. Wozu dann also auf irgendwelche Miesepeter hören? Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Es gibt wirklich viele Anfänger im Börsengeschäft, die etwas lernen wollen und die reflektiert genug sind, zu wissen, dass sie nicht (viel) wissen. 

In der aktuellen Hype-Phase an der Börse, in der viele Kleinanleger mit bisschen Kleingeld mit Aktien herumspielen, sind eben auch jede Menge beratungsresistente Anleger dabei. Diese glauben, dass Börse einfach ist und sie eigentlich schon alles wissen. Aber Börse ist alles andere als einfach. Zu denken, dass Börse einfach ist, ist (leider) schon wieder die Bestätigung für den Dunning-Kruger-Effekt. 

Wunderbar zusammengefasst sagte Charlie Munger mit einem Augenzwinkern über das Börsengeschäft: 

Es soll nicht einfach sein. Wer es einfach findet, ist dumm! 

Charlie Munger

Photo by Mark Timberlake on Unsplash

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4 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Carsten Dreyer
    April 14, 2021 3:03 pm

    Hallo Tino,

    wieder ein Grund mehr, warum ich deinen Blog so gerne lese – es kommen nicht 0815 Beiträge, sondern es wird auf Demut und ein gewisse Maß ,,Outside the box“ Denken geachtet.
    Ich bin in genau der Zielgruppe, die du beschreibst.
    Zum Glück kann ich mich zumindest soweit selbst gut einschätzen, dass ich keine wilden Trades mit irgendwelchen Hebeln o.ä. mache, sondern darauf achte, dass ich weiß, was ich kaufe.
    Damit bin ich natürlich noch am Anfang und besonders in der nächsten echten Bären-Phase (und damit meine ich nicht diese kurze Phase im März 2020) trennt sich die Spreu vom Weizen.
    Das gilt dann auch für mich, deshalb bin ich auf mich selbst gespannt, wenn es mal so richtig lange bergab geht.

    Mach bitte weiter so und bleib gesund.
    Viele Grüße
    Carsten

    Antworten
    • Hallo Carsten, vielen Dank für deinen tollen Kommentar. Bei dem, was du geschrieben hast und wie du meine Gedanken für dich interpretiert hast, habe ich absolut keine Befürchtungen, dass du auch gut durch schwierige Börsenphasen kommen wirst. Halte mich auf dem laufenden, wie es dir und deinem Depot geht. In diesem Sinne viel Erfolg und alles Gute. Tino

      Antworten
  • Hallo Tino,

    Super Artikel… ich bin erst mit deinem Artikel auf dieses Thema gestoßen.
    Sehr sehr interessant und es sollten echt mehr Leute lesen… auch wichtig sich selbst klar zu machen auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben.
    Ich hab noch folgenden Artikel gefunden der den Effekt auch gut und ausführlich erklärt.
    https://www.heise.de/tp/features/Aufgeblasenes-Ego-in-Kombination-mit-einer-bescheidenen-Kompetenz-4931881.html
    Ich hoffe das ist ok, wenn ich den Link hier poste… ansonsten einfach den Kommentar löschen.

    Hab vielen Dank für das Teilen deines Wissen und Erfahrungen.

    Gottes Segen dir und alles gute weiterhin.

    Viele Grüße aus Görlitz … östlichster Stadt Deutschlands 😀

    Antworten

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