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Durchschnittsmethode bei der Aktienanalyse!

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Durchschnittsmethode bei der Aktienanalyse am Beispiel von KGV und Dividendenrendite – ist diese Vorgehensweise hilfreich? Es gibt viele Kennzahlen, mit denen man eine Aktie fundamental bewerten kann. In diesem Artikel erkläre ich, wie ich die Durchschnittsmethode verwende, um beim KGV und der Dividendenrendite einer Aktie zu einer ersten Einschätzung zu kommen, ob die Aktie aktuell über- oder unterbewertet ist.

Die fundamentale Bewertung orientiert sich im Gegensatz zur charttechnischen Analyse an bilanztechnischen Daten, die von den Unternehmen regelmäßig veröffentlicht werden. Eine dieser Kennzahlen ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), eine andere die Dividendenrendite.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (oder englisch P/E Ratio –> Price to Earnings-Ratio) ist eine der bekanntesten Kennzahlen, die man bei der Fundamentalanalyse von Aktien verwendet. Nur ist es leider so, dass die Verwendung des KGV für sich betrachtet keine Möglichkeit bietet, eine eindeutige Aussage zu bekommen, ob aktuell eine Über- oder Unterbewertung bei einer Aktie vorliegt. 

Als Value-Investoren wollen wir vor allem wissen, ob eine Aktie gerade günstig bewertet ist oder nicht. Wir suchen nach Aktien mit einem Abschlag zu ihrem fairen Wert. Verwenden wir das KGV als alleinige Kennzahl, können wir nur eine Momentaufnahme für die Aktie bekommen. Nur in Kombination mit anderen Kennzahlen wie zum Beispiel dem erwarteten Gewinnwachstum kann das KGV nützlich sein. 

Es gibt aber eine Möglichkeit, wie das KGV als alleinige Kennziffer verwendet werden kann. Das ist dann immer noch ein sehr grobes Werkzeug, aber es bietet eine gute Möglichkeit, um sich einen ersten Überblick darüber zu verschaffen, ob die Aktie aktuell günstig bewertet ist oder nicht und ob sich eine weiterführende Analyse lohnt.

Durchschnittsmethode bei der Aktienanalyse: So gehe ich vor!

Wir verwenden für diesen Quick Check die KGVs der letzten fünf oder zehn Jahre einer Aktie. Diese Daten werden von verschiedenen Finanz-Websites veröffentlicht. Aus den Daten der gewählten Periode errechnen wir das Durchschnitts-KGV der Aktie. Dieses Durchschnitts-KGV setzen wir dann in Relation zum aktuellen KGV. Liegt das aktuelle KGV über dem Durchschnitts-KGV, dann ist die Aktie aktuell zu teuer. Notiert das aktuelle KGV unter dem Wert des Durchschnitts-KGVs in der gewählten Periode, dann ist die Aktie derzeit günstig bewertet.

Bitte merken: Diese Beurteilung ist nur ein „Schnellschuss“. Bei Verwendung nur einer fundamentalen Kennzahl kann ich niemals zu einer umfassenden Einschätzung der Aktie gelangen. Aber ich bekomme schon einmal ein Gefühl dafür, ob ich mir diese Aktie weiter anschaue oder nicht. 

Die Durchschnittsmethode bei der Aktienanalyse lässt sich auch auf weitere fundamentale Kennzahlen anwenden. Sie bietet sich zum Beispiel sehr gut bei der Dividendenrendite an. Der Vorgang hier ist der gleiche.

Durchschnittsmethode bei der Aktienanalyse für die Dividendenrendite!

Angenommen, eine Dividenden-Aktie kann historisch betrachtet für die letzten zehn Jahre auf eine  durchschnittliche Dividendenrendite von 4% verweisen. Aktuell liegt die Dividendenrendite bei 5%. Das bedeutet, dass die Aktie etwa 20% unterbewertet ist und der Aktienkurs um 25% steigen müsste, um wieder zu seinem historischen Durchschnittswert von 4% zurückzukehren. Während der Gesamtmarkt für sehr lange Zeit negativ für Aktien bleiben kann, sind die Aktienkurse letztendlich immer eine Widerspiegelung der Fundamentaldaten des Unternehmens (insbesondere der Gewinne und des freien Cashflows).

Anwendung der Durchschnittsmethode bei der Dividendenrendite am Beispiel von AT&T!

Für die zurückliegenden fünf Jahre beträgt die Dividendenrendite von AT&T 5,51 %. Die Dividendenrendite bei einem aktuellen Kurs zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels von 29, 65 USD beträgt 6,87 % (Quelle: www.a2-finance.com). Vergleichen wir diese beiden Zahlen, liegt bei AT&T eine Unterbewertung bei der Dividendenrendite vor und das macht die Aktie für einen Cashflow-orientierten Value-Investor interessant. 

Benjamin Graham, der Value Investing als erster mit messbaren Kriterien anwendete, sagte dazu:

„Kurzfristig ist der Markt wie eine Abstimmungsmaschine. Es wird ermittelt, welche Unternehmen beliebt und unbeliebt sind. Auf lange Sicht ist der Markt jedoch wie eine Waage, die die Substanz eines Unternehmens bewertet.“ 

Benjamin Graham

Diese Aussage wird durch die sogenannte Mean Reversion bestätigt. Bei der Mean Reversion (Rückkehr zum Mittelwert) geht der Anleger davon aus, dass Aktienkurse langfristig betrachtet immer um einen Mittelwert pendeln. Die Ausschläge in beide Richtungen sind teilweise enorm – letztendlich aber tendieren Aktienkurse dazu, zu ihrem Mittelwert zurückzukehren. Sehr gut kann man das sehen bei der 200-Tage-Linie in einem Aktienchart. 

Für das Beispiel AT&T bedeutet das, dass wir eine Position aufbauen können mit der spekulativen Erwartung, dass der Aktienkurs so weit steigt, dass die durchschnittliche Dividendenrendite der letzten fünf Jahre von 5,51 % wieder erreicht wird. Aktuell notiert die Aktie sehr viel tiefer, weshalb wir eine Dividendenrendite von 6,87 % erzielen. Entscheiden wir uns für einen Kauf, haben wir eine Beteiligung an einem Unternehmen aus einem defensiven Sektor (Telekommunikation) im Aktiendepot, erhalten mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eine stabile Dividende von aktuell fast 7 % pro Jahr ausgezahlt und können aufgrund der Mean Reversion davon ausgehen, dass sich in Zukunft zusätzlich noch Kurssteigerungen verbuchen lassen.

Mehr zur Mean Reversion kannst du in meinem Blogartikel zu John C. Bogles Buch zum passiven Investieren in ETFs lesen.

Durchschnittsmethode bei der Aktienanalyse: Schlussbetrachtung!

Die Verwendung der Durchschnittsmethode ist eine sehr einfache und schnelle Methode, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen, ob eine Aktie gerade unter- oder überbewertet ist. Eine vollständige Analyse bezieht aber noch weitere Kennzahlen ein. Nur bei Hinzunahme weiterer Kennzahlen kann ich die Prognose-Sicherheit soweit erhöhen, um zu einem Urteil über den Wert der Aktie zu kommen. 

Ein niedriges KGV bedeutet nicht, dass die Aktie unterbewertet ist!

Wovon sich jeder Investor fernhalten sollte, ist die Faustregel, dass ein niedriges KGV per definitionem auf eine Unterbewertung hindeutet. Das KGV einzeln zu betrachten bringt so ziemlich gar nichts. Keine Aussagekraft. Wer das macht… gute Fahrt. Innovativ ist übrigens eine Erfindung der Analysten der großen Häuser, Banken usw. Die verweisen seit einiger Zeit bei ihren Analysen auf das forward PE bei Aktien. Was um Himmels Willen ist das denn? 

Das forward PE ist das geschätzte KGV für die Zukunft. Bisher wurden Gewinne für die Zukunft geschätzt. Das ist riskant, hat sich aber bewährt, um annähernd die Chancen und Risiken bzgl. Gewinnerwartung eines Unternehmens einordnen zu können. Beim forwad PE schätzen die PR-Manager, sorry die Analysten, gleich noch den zukünftigen Kurs der Aktie mit. Denn in der Bezeichnung KGV steckt eben auch das K für Kurs. Das zu schätzen ist mutig. Zukünftige Gewinne schätzen und zukünftigen Kurs schätzen ergibt das zukünftige geschätzte KGV oder forward KGV. Wer das forward KGV für seine Einschätzung einer Aktie verwendet, der glaubt auch noch an den Weihnachtsmann. 

Tipp: Das KGV einer Aktie immer mit dem in der Peer Group vergleichen!

Wie aber kann man das KGV vernünftig nutzen? Dazu eine Aktie nicht nur nach dem aktuellen KGV beurteilen. Besser das Durchschnitts-KGV für die letzten fünf Jahre oder zehn Jahre ermitteln und dann vergleichen mit dem aktuellen KGV. Auf diese Art kann man relativ schnell erkennen, ob die Aktie über- oder unter bewertet ist in Bezug auf das KGV. Zusätzlich sollte man auch noch innerhalb der Peer Group das KGV mit dem KGV von Mitbewerbern vergleichen. Daimler mit BMW. General Mills mit Kellog. AMD mit Intel. Nur so macht das Sinn.

Schlussendlich geht es nur um eine Sache beim Investieren und Spekulieren – um das Risiko!

Eines sollte klar sein: Endgültige Sicherheit werde ich als Anleger an den Finanzmärkten nie bekommen. Meine Entscheidung für den Kauf einer Aktie – auch wenn auf Grund von akribischer Analyse und einem sorgfältigen Faktencheck alles bestens aussieht – ist und bleibt immer ein Risiko. Es kann keine Erfolge geben beim Investieren oder beim Sport oder beim Kochen, ohne dass ich etwas riskiere. Deshalb ist es am allerwichtigsten, sich über mögliche Risiken im Klaren zu sein, bevor man investiert. 

Dazu zählen übrigens nicht nur die Risiken, die ich im Vorfeld erkenne und beurteilen kann, sondern vor allem die Risiken, die zum Zeitpunkt meiner Einschätzung unbekannt sind. Damit nähern wir uns einem anderen interessanten Gebiet, nämlich der Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten und Risiken unter Unsicherheit… aber das ist eine andere Geschichte.

Photo by Luke Chesser on Unsplash

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