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Entscheidungsfindung: Bias ist schlimm! Noise ist viel schlimmer!

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Entscheidungsfindung: Man liest und hört viel darüber. Kein Wunder, denn unsere Entscheidungen und Urteile bestimmen unsere Zukunft. Es ist ein wichtiges Thema. Es gibt natürlich jede Menge Bücher dazu. Ein Buch, dass mich besonders beeindruckt hat, ist „Noise“ von Kahneman, Sibony und Sunstein. Nachfolgend einige Learnings.

Unsere Entscheidungen sind in den meisten Fällen so komplett fehlerbehaftet, so verzerrt von subjektiven Einschätzungen und von äußeren Einflüssen, die im Moment der Entscheidung auf unser Denken einwirken, dass man sich eigentlich wundern muss, warum wir überhaupt unfallfrei durchs Leben kommen. 

Zu erkennen, dass wir nicht in der Lage sind, korrekte (im Sinne von rationale) Entscheidungen zu treffen, ist schon mal ein guter Anfang auf dem Weg der Besserung. Wirklich klügere Entscheidungen trifft man durch diese Erkenntnis vermutlich nicht – aber man kann es probieren. Aufgeben ist keine Option. Bei vielen anderen Versuchen, sein Leben zu meistern, ist Aufgeben definitiv eine Option – beim Thema „Wie treffe ich bessere Entscheidungen?“ ist sie das nicht. Womit wir mittendrin sind in „Noise“.

Entscheidungsfindung: Warum ist das so kompliziert?

Die meisten fokussieren sich im Zusammenhang mit Entscheidungsfindung auf Bias (bzw. die Vermeidung davon). Bias bezeichnet bestimmte individuelle Prägungen, Vorurteile und psychologische Faktoren, die unsere Einschätzung und Beurteilung von Situationen beeinflussen und unsere Entscheidungen und Urteile verzerren. Welche Arten von Bias es u.a. gibt und wie sie auf unser Handeln einwirken, kannst du hier lesen

Seit viele um Bias wissen, dient das auch oft als Entschuldigung für schlechte Entscheidungen – so als ob man nichts dafür kann, als wäre es ein angeborener Defekt. So wird das natürlich nichts mit besseren Entscheidungen. Aber es kommt noch schlimmer.

Verzerrungen im Zusammenhang mit Entscheidungsfindung entstehen nicht nur durch Bias, sondern vor allem durch Noise. Noise ist der unterschätzte kleine böse Bruder von Bias und hat bei Entscheidungsfindung einen viel größeren Einfluss, als wir denken. Vor allem deshalb, weil wir uns nicht bewusst sind, dass es Noise gibt und dass Noise extrem auf unseren Entscheidungsprozess einwirkt. 

Mit Noise bezeichnen Verhaltensökonomen und Psychologen zum Beispiel Stimmungen, Tageszeit, Wetter, Streit mit anderen Personen, die Niederlage der Lieblingsmannschaft usw. Also Einflüsse, die eigentlich keinen Einfluss haben sollten auf Entscheidungen und Urteile, es aber nachgewiesenermaßen tun. 

„Wir sagen, dass Bias vorliegt, wenn die meisten Fehler (Abweichungen) bei einer Reihe von Urteilen in derselben Richtung liegen. Bias ist der mittlere Fehler, wie zum Beispiel, wenn eine Gruppe von Schützen durchweg unterhalb und links von der Zielscheibenmitte trifft, wenn Führungskräfte Jahr für Jahr die Umsatzzahlen zu optimistisch einschätzen oder wenn ein Unternehmen immer wieder Geld in erfolglose Projekte investiert, die es abschreiben sollte.

Es beseitigt nicht sämtliche Fehler, wenn man eine Reihe von Urteilen um Bias bereinigt. Die nach der Bereinigung verbleibenden Fehler sind keine geteilten Fehler. Sie sind das unerwünschte Auseinanderklaffen von Urteilen, die Unzuverlässigkeit des Messinstruments, das wir auf die Realität anwenden. Sie sind Noise.

Noise ist die Streuung von Urteilen, die gleich sein sollten. Wir verwenden den Begriff System-Noise für das Rauschen, das in Organisationen beobachtet werden kann, die gegenseitig austauschbare Fachkräfte beschäftigen, um Entscheidungen zu treffen, wie etwa Ärzte in einer Notaufnahme, Richter, die gegen Angeklagte eine Strafe verhängen und Underwriter in einer Versicherungsgesellschaft.“ 

Noise, Seite 401

Da wir Noise nicht ohne weiteres erkennen (und selbst wenn, es vermutlich abstreiten würden, dass Noise Einfluss auf unser Urteil hat) ist es ein schwieriger, aber nicht unmöglicher Prozess, weniger Noise in unsere Entscheidungen einfließen zu lassen. Ein echtes Dilemma. Ich dachte mal, wenn ich weiß, was Bias ist und ein gewisses Regelwerk nutze, um Bias bei meinen Entscheidungen und Urteilen zu verringern oder komplett zu vermeiden (zum Beispiel Checklisten bei Investments), dass ich dann auf der sicheren Seite bin. Ich sehe mittlerweile, dass ich erst ganz am Anfang stehe, meinen Entscheidungsprozess zu verbessern. 

Entscheidungsfindung: Meine Erkenntnisse aus dem Buch „Noise“:

Eine einmalige Entscheidung – zum Beispiel Heirat, Kauf einer Immobilie, die Gründung eines Unternehmens – treffen wir meist unter Einbeziehung anderer Kriterien als wiederkehrende Entscheidungen. Das ist falsch. Eine einmalige Entscheidung ist nichts anderes als eine wiederkehrende Entscheidung – mit dem Unterschied, dass sie nur ein einziges Mal getroffen wird. Da wir das in dem Moment der Entscheidung aber nicht wissen können, sollten wir einmalige Entscheidungen mit den selben Kriterien treffen wie wiederkehrende.

Die praktischste Empfehlung aus „Noise“ zur Verbesserung der Entscheidungsfindung für mich ist, eine mehrstufige Einschätzung vorzunehmen. Sich nicht nur ein einziges Mal mit der Entscheidung für oder gegen irgend etwas beschäftigen, sondern diesen Vorgang zu einem anderen Zeitpunkt wiederholen. Wichtig dabei ist, immer die selben Kriterien für die Urteilsfindung zu verwenden. 

Welche Auswirkungen es haben kann, Entscheidungen mit Hilfe eines festen Regelwerks zu treffen, hat eine Freundin von mir wunderbar an einem Beispiel deutlich gemacht: 

„Bei einer singulären Entscheidung kann ich Noise nicht sehen, ich kann aber doch die Einzelentscheidung als wiederkehrende simulieren. Um Noise sichtbar zu machen und dagegen zu steuern. Wenn meine Entscheidung z.B. von Stimmung, Tageszeit, Wetter, Zustand der Wohnung oder was auch immer beeinflusst wurde, sehe ich das bei der Einzelentscheidung nicht, weil keine Variabilität vorhanden ist. Wenn ich die Auswahl aber zu zehn verschiedenen Zeitpunkten wiederhole, hole ich mir die notwendige Variabilität dazu. Die genannten Einflüsse werden sich unterschiedlich auf meine Entscheidungen auswirken – ich erzeuge Noise. Und ich werde jedes Mal eine etwas andere Bücherauswahl treffen. Aber bestimmt gibt es Bücher, die ich jedes Mal auswähle. Diese Schnittmenge der zehn Entscheidungen ist dann meine wahre Auswahl, der Rest war Noise.“

Wer das Grundprinzip verstanden hat, kann diese Vorgehensweise sogar noch weiter verfeinern. Ein noch besseres Ergebnis erziele ich, wenn eine zweite Person eine Auswahl aus den Büchern vornimmt (einigermaßen Sachverstand vorausgesetzt) und auch zehn verschiedene Zeitpunkte für die Auswahl wählt. Die Schnittmenge dieser Auswahl, verknüpft mit der Auswahl der ersten Person, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit noch genauer und qualitativ noch besser. Wir sehen, wir können Noise durchaus eingrenzen bei unseren Entscheidungen.

Bei der eben beschriebenen Vorgehensweise bei der Buchauswahl wie auch bei vielen anderen Entscheidungen, die wir treffen, handelt es sich oft um angenehme Dinge. Deshalb ist es durchaus hilfreich zu wissen, dass in diesen Fällen persönliche Vorlieben und Vorurteile besonders stark wirken. Dies sollte bei der Entscheidungsfindung einbezogen werden.

„Wenn wir gut gelaunt sind, wird unser Denken stärker von unseren Vorurteilen beeinflusst.“ 

Noise, Seite 98

Fassen wir zusammen: Wenn man eine Einschätzung für etwas abgeben will, zum Beispiel das Setup für einen Trade oder ein langfristiges Investment (Kauf einer Immobilie, eines ETF etc.), dann ist es gut, wenn man wenigstens zwei Mal die Problematik durchdenkt und bei der zweiten Schätzung versucht, das Problem in einem neuen Licht zu betrachten (siehe prä-mortem-Analyse). 

Aber der einzeln Urteilende wird immer Fehler machen bei seinen Einschätzungen. Deshalb ist es eine sehr gute Idee, eine oder mehrere andere Personen in die Entscheidungsfindung einzubeziehen.

„Die Einzigartigkeit der Persönlichkeit von Menschen ist das, was sie zu Innovation und Kreativität befähigt und was den Umgang mit ihnen interessant und spannend macht. Aber was die Urteilsbildung anbelangt, ist diese Einzigartigkeit kein Vorteil.“

Noise, Seite 232

Hat man also die Möglichkeit, eine zweite Person hinzuzuziehen, dann sollte man deren Meinung und Einschätzung einbeziehen, um ein noch besseres Urteil abzugeben. Dies muss so ablaufen, dass die zweite Person unabhängig der Meinung und Einschätzung der ersten Person agieren kann. Sonst kommt es mit Sicherheit zu gegenseitiger Beeinflussung. Die Unabhängigkeit beim Urteil leidet dann extrem und das Urteil wird dadurch viel schlechter. 

„Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass mehrere unabhängige Meinungen bei nachgerechter Zusammenführung bemerkenswert genau sein können, während schon ein schwacher sozialer Einfluss eine Art von Herdenverhalten hervorbringen kann.“

Noise, Seite 112

Bei beiden Varianten wird anschließend eine Schnittmenge aus beiden Einschätzungen gebildet. Das führt tendenziell zu besseren Urteilen und Einschätzungen, als wenn nur eine Einschätzung vorgenommen wird. Was ebenfalls vermieden wird, ist ein „Schuss aus der Hüfte“, also eine impulsive Handlung aufgrund eines blitzschnellen Urteils, was eigentlich nur dem Bauchgefühl entspringen kann.

Unabhängig von der Diversität kann die Zusammenführung (von Einzelurteilen) Rauschen nur dann verringern, wenn die Urteile wirklich unabhängig voneinander sind. Wie unsere Diskussion von Noise in Gruppen verdeutlicht hat, führen Gruppenberatungen oftmals dazu, dass mehr an Bias-Verzerrungen hinzugefügt wird, als an Noise-Verfälschungen beseitigt wird. (…)

Das Einholen und Zusammenführen von Urteilen, die sowohl unabhängig als auch vielfältig sind, ist oftmals die leichteste, billigste und am breitesten anwendbare Strategie der Entscheidungshygiene.

Noise, Seite 300

Entscheidungsfindung in Unternehmen und Organisationen

Für Unternehmen und größere Organisationen kann es von Vorteil sein, wenn sie im Rahmen von Entscheidungsprozessen einen Beobachter einbeziehen. 

„Wir empfehlen, diese Suche nach Verzerrungen weder vor noch nach dem Entscheidungsprozess, sondern in Echtzeit durchzuführen. Menschen sind zu dem Zeitpunkt, zu dem sie von ihren kognitiven Verzerrungen in die Irre geführt werden, sich dieser nur selten bewusst. Das fehlende Gewahrsein ist eine bekannte Verzerrung, der bias blind spot (Verzerrungsblindheit). Es ist leichter, bei anderen Verzerrungen zu erkennen als bei sich selbst.“

Noise, Seite 266

Außerdem finden wir auch in „Noise“ den Punkt, den schon Charlie Munger so wunderbar erklärt hat – dass nämlich die Reihenfolge, mit der wir relevante Informationen aufnehmen, die zu einer Entscheidung oder einem Urteil führen sollen, ebenfalls von großer Bedeutung ist. 

„Die notwendigen methodischen Schritte sind relativ einfach. Sie verdeutlichen eine Strategie der Entscheidungshygiene, die in vielen Bereichen anwendbar ist: die gezielte Steuerung des Informationsflusses, um die Bildung vorzeitiger Intuitionen zu begrenzen. Bei jeder Urteilsbildung sind einige Informationen relevant und andere nicht. Mehr Informationen sind nicht immer besser, insbesondere dann nicht, wenn sie Urteile verzerren könnten, indem sie den Urteilenden dazu veranlassen, eine verfrühte Intuition zu bilden.“

Noise, Seite 283

Noch etwas hat mich überrascht. Nachdem ich fast das ganze Buch hindurch damit konfrontiert wurde, dass Algorithmen und mechanisch angewandte Regeln die nachweislich besten und fairsten Entscheidungen und Urteile hervorbringen, kommen die Autoren von „Noise“ zum Schluss zu einem sehr bemerkenswerten Fazit: Dass Menschen durchaus ihren Platz im Entscheidungsprozess haben sollten und nicht durch KI und Algos ersetzt werden dürfen. 

„Trotz der „datengesteuerten“ Kultur, für die das Unternehmen bekannt ist (Anm. von mir: Es geht um Google und der Vorgehensweise bei Einstellungsgesprächen dort), und ungeachtet der umfangreichen Belege dafür, dass eine mechanische Zusammenfassung von Daten einer klinischen Beurteilung überlegen ist, erfolgt die endgültige Einstellungsentscheidung nicht mechanisch. Es bleibt ein Urteil, bei dem der Ausschuss sämtliche Informationen berücksichtigt und sie im Rahmen einer Diskussion über die Frage „Wird diese Person bei Google erfolgreich sein?“ ganzheitlich abwägt. Die Entscheidung ist nicht einfach des Ergebnis einer Rechenoperation. (…) Obgleich die endgültigen Einstellungsentscheidungen bei Google nicht mechanisch sind, werden sie doch in hohem Maße vom Durchschnitt der Bewertungen der vier Interviewer beeinflusst. Auch die zugrunde liegenden Daten fließen in die Entscheidungen ein. Anders gesagt, erst nachdem alle Daten zusammengefasst und ausgewertet wurden, lässt Google Raum für subiektive Einschätzung und Intuition im Entscheidungsprozess. Dadurch wird die Neigung jedes Interviewers, sich vorschnell eine Meinung zu bilden, hinausgezögert.

Noise, Seite 342

Wie gehe ich vor, um meine Entscheidungsprozesse zu verbessern?

Bei jedem Entscheidungsprozess ist folgende Vorgehensweise sinnvoll: Zuerst kommt die Außenansicht – das Sammeln von Fakten und Einschätzungen aus externen Quellen. Nach festgelegten Kriterien und geordnet in ihrer Reihenfolge. Danach kommt die Innenansicht. Das kann wiederum mit Hilfe von festgelegten und klaren Kategorien erfolgen, aber die subjektive Beurteilung des Datenmaterials darf einbezogen werden. 

Abschließend wird die Entscheidung gemeinsam getroffen.

Das gilt allerdings nicht für jeden Entscheidungsprozess. Wiederholende Entscheidungen mit immer dem gleichen Regelwerk sollten beziehungsweise dürfen nicht subjektiv beurteilt werden. 

Das ist die schlechte Nachricht für alle Börsianer, die frei nach Bauchgefühl oder Tipps von anderen in einem mit Noise und Bias überfrachteten individuellen Entscheidungsprozess ihre Aktien und ETFs auswählen. Und sich ihre Auswahl im Nachhinein schönreden, weil sie nur die Argumente sehen und verwenden, die ihre Entscheidung in einem guten und logischen Licht aussehen lässt.

„Bei wiederholten Entscheidungen hat es echte Vorteile, sich in Richtung mechanischer Regeln zu bewerben statt Ad-hoc-Urteile zu treffen. Es zeigt sich, dass Ermessensausübung mit gravierenden negativen Folgen verbunden ist, und die Kosten von Noise beziehungsweise die dadurch verursachten Ungerechtigkeiten könnten das Maß des Erträglichen übersteigen.“

Noise, Seite 396

Photo by Michael Dziedzic on Unsplash

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Entscheidungen und Urteile: John Bargh – Vor dem Denken

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