Börsen Psychologie

Krise an der Börse: Was tun?

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Krise an der Börse im März 2022 und viele Marktteilnehmer fragen sich: Was tun? Die Situation ist so kritisch, weil mehrere Faktoren gleichzeitig auf die Kurse wirken. Es sieht so aus, als gäbe es nur eine Wahl – Pest oder Cholera?

Wir erleben gerade schwierige Zeiten an den Finanzmärkten. Als Anleger weiß man gar nicht so richtig, wohin man zuerst schauen soll. Es gibt diverse Baustellen, um die man sich gleichzeitig kümmern muss. Wir sind umgeben von Drohkulissen mit unbekanntem Input auf die Kurse an den Finanzmärkten. 

Krise an der Börse: Inflation, Rezession, Krieg und Zinsanhebungen!

Da wäre zuerst eine stetig sich steigernde Inflation zu nennen. Auch wenn es keiner offiziell zugibt – inoffiziell ist die Inflation schon längst aus dem Ruder gelaufen und nicht mehr zu stoppen.

Es gibt Rezessionsängste durch geringes Wirtschaftswachstum und Lieferketten, die immer schwieriger aufrecht zu erhalten sind.

Seit ein paar Wochen bestimmen die Ereignisse des Krieges in der Ukraine die Schlagzeilen. Welche Auswirkungen hat dieser Krieg auf die Energie- und Nahrungsmittelpreise, die aktuell durch die Decke gehen (Russland und die Ukraine sind die größten Weizenexporteure der Welt)?

Die drohende Zinsanhebung in den USA (und wie immer mit Verspätung auch in Europa) und ein Auslaufen der lockeren Geldpolitik durch die Zentralbanken sind ebenfalls nicht vom Tisch, auch wenn gerade wenig darüber berichtet wird. Keine Wahrnehmung beziehungsweise keine Berichterstattung in den Medien heißt nicht, dass das Thema sich erledigt hat. 

Menschen machen Märkte und Menschen handeln emotional!

Bei solch einer Gemengelage an bad news stellt sich immer die gleiche Frage: Welche Einflüsse hat diese Phalanx von negativen Einflüssen auf die Kurse der Aktien und letztendlich auf mein Depot? Eine Frage, die niemand wirklich beantworten kann. Es gibt kein Schema F, nach dem man als Anleger bestimmen kann, um wieviel Prozent mein Depot fällt, wenn die Inflationsrate bei X % liegt.

Menschen machen Märkte und jeder einzelne Marktteilnehmer interpretiert die Ereignisse und verschiedenen Einflussfaktoren anders. Wer übrigens glaubt, dass die sogenannten Experten in Regierungen, Zentralbanken und anderen Organisationen mehr wissen und dadurch bessere Entscheidungen treffen können, der irrt und überschätzt die Expertise dieser Leute. 

Vielleicht wissen sie mehr als wir normalen Anleger (das wäre wenigstens zu hoffen), aber bessere Entscheidungen treffen sie deswegen noch lange nicht. Wir erinnern uns, wieviele Monate die Zentralbanker uns das Märchen aufgetischt haben, dass die Inflation nur „transitory“ ist. Oder dass russisches Öl und Gas zuverlässig nach Europa fließen…

Auch in der Krise an der Börse gilt: Das langfristige Ziel beim Vermögensaufbau nicht aus den Augen verlieren!

Wichtig ist in Krisenzeiten, sich mehr als sonst auf die eigentlichen Ziele bei der Vermögensbildung zu konzentrieren. Damit meine ich, dass man vom Ende her zur aktuellen Situation denkt.

Wer sich sein langfristiges Ziel immer wieder in Erinnerung ruft, der kann Krisen und die damit verbundenen Kursrückgänge an den Finanzmärkten ganz anders betrachten und lässt sich nicht emotional so beeinflussen, dass er seinen Plan komplett über den Haufen wirft.

Denn der Plan war ja ursprünglich mal ein Plan für eine lange Zeitspanne, und dass innerhalb dieser Zeitspanne unvorhergesehene Einflüsse wirken können und Kurse nun mal nicht ewig linear steigen, muss man als langfristiger Anleger wissen, voraussehen und einkalkulieren.

An dieser Stelle der Verweis auf einen Blogartikel von mir vom 18.12. 2020, in dem ich im Zusammenhang mit der Durchschnittsmethode bei der Aktienbewertung folgendes geschrieben habe:

Bei der Mean Reversion (Rückkehr zum Mittelwert) geht der Anleger davon aus, dass Aktienkurse langfristig betrachtet immer um einen Mittelwert pendeln. Die Ausschläge in beide Richtungen sind teilweise enorm – letztendlich aber tendieren Aktienkurse dazu, zu ihrem Mittelwert zurückzukehren.

Durchschnittsmethode bei der Aktienanalyse!

Was können Anleger jetzt tun in der Krise? 

Wenn du langfristig in ETFs investiert bist oder noch mitten drin im Vermögensaufbau (ETF-Sparpläne), macht es meiner Meinung nach keinen Sinn, hektisch zu agieren und an den Positionen herumzubasteln. Besser ist es, nicht ins Depot zu schauen und auch sonst die Nachrichten so gut es geht zu ignorieren. 

Bei Einzelwerten kann das ganz anders aussehen. Hier kann durchaus eine individuelle Überprüfung vorgenommen werden. Hilfreich ist, sich einen Fahrplan (eine Checkliste, wie Flugzeugpiloten die verwenden) zu erstellen oder einen Fragenkatalog, der dir dabei helfen kann, zu einer rationalen Einschätzung zu gelangen.

Fragen für deine Checkliste könnten sein: 

  • Fühlst du dich mit der Position noch wohl? In diesem Zusammenhang hilft dir vielleicht der „Rumrutschfaktor“ bei der Einschätzung
  • Stimmt der Investment Case noch für das Unternehmen? 
  • Wie groß ist deine Risikotoleranz? 
  • Mache eine Prä-mortem-Analyse deines Investments. Dabei stellst du dir vor, wie es dir gehen würde, wenn der Kurs ins Bodenlose fällt und möglicherweise sogar der Totalausfall deines eingesetzten Kapitals droht. Könntest du das finanziell und emotional verkraften? Sei ehrlich bei deiner Antwort!
  • Ist die Position zu groß? Oft hilft eine Reduzierung von Positionsgrößen, um den persönlichen Stress zu verringern.
  • Betrachte ich die Positionen in meinem Depot gerade rational oder lasse ich mich von Emotionen leiten? (So wie es Euphorie beim Anstieg gibt mit allen dazugehörigen Nachrichten etc. gibt es das Gegenteil bei einer Korrektur oder einem Crash.

Bei hoher Volatilität im Markt – bleib draußen!

Wichtig ist auch meiner Meinung nach, dass man sich von zwischenzeitlichen Erholungen, in denen der Markt an einem Tag durchaus mal 2 oder 3 % steigt, nicht verrückt machen und nicht in Euphorie versetzen lässt.

Es ist sehr gefährlich, in solchen kurzfristigen Erholungsphasen, in denen der Gesamtmarkt ohne ersichtliche Gründe nach oben schießt, anzunehmen, dass jetzt alles vorbei ist und wieder so so läuft wie vorher. Es ist nämlich im Zweifel nicht vorbei, und es ist besonders in Krisenzeiten an der Börse pures Glück, bei solchen Reversals auf der richtigen Seite zu stehen.

Ich kann nur jedem Anleger raten, sich aus diesen volatilen Marktphasen herauszuhalten. Die Masse verliert bei den Versuchen, hier mitzuspielen, viel Geld. 

Auch wenn man das Gefühl hat, heute ist ein guter Tag an der Börse und die Kurse steigen mitten in einer Korrekturphase, dann hat diese kurzfristige Wahrnehmung überhaupt keine Bedeutung. Daran sollte man sich immer erinnern, wenn es in den Fingern juckt und man aktiv werden möchte.

In dem Moment hilft ruhig bleiben, sich disziplinieren und sein kritisches Denken schulen. Nicht der kurzfristigen Kaufpanik hinterher hecheln, sondern sich fragen, ob es nicht sein kann, dass es morgen schon wieder abwärts geht mit den Kursen und zwar viel weiter abwärts als bisher.

Und wer wirklich aktiv sein muss, der zieht sich seine Laufschuhe an und dreht eine Runde. Das beruhigt die Nerven und bringt frischen Schwung. 

Sich den Kopf zu zerbrechen, was denn nun die genauen Gründe für eine Krise sind, ist genauso anstrengend wie nutzlos. Es reicht vollkommen aus, sich um die Dinge zu kümmern, die man als Anleger selbst beeinflussen kann.

Mentale Stärke: Um die Dinge kümmern, die man beeinflussen kann!

Dazu gehören das maximale riskierte Kapital bei einem Investment, die Positionsgröße und die wichtige Entscheidung, ob man aktiv handelt oder besser von der Seitenlinie aus zusieht. Das ist nicht viel, aber es ist mehr als genug, um an der Börse auch Krisenzeiten zu überstehen.

Merke: Die Dinge sind immer im Fluss (die alten Griechen nannten das panta rhei = alles fließt) und entwickeln sich weiter. Und  die Einflussfaktoren beeinflussen sich gegenseitig und das führt immer wieder zu neuen Situationen, die man so nicht geplant hat und nicht planen konnte.

Zukunft ist nun mal unbekannt und es gibt niemals nur eine Zukunft. Es gibt viele. 

Krise an der Börse: Wer auf Hoffnung bei seinen Aktien-Investments baut, verliert!

Wer an sich selbst beobachtet, dass die Kurse der Aktien im Depot die Stimmung beeinflussen (steigende Kurse = Euphorie und Hoffnung, sinkende Kurse = Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit), der muss dringend an seinem Mindset arbeiten.

Derjenige wird es schwer haben, sein Depot lange Zeit gut zu steuern. Denn es gibt nun mal nicht immer schönes Wetter beim Segeln. Manchmal zieht ein Sturm auf.

Wer auf Hoffnung baut im Börsengeschäft, der hofft immer auf externe Faktoren. Das bedeutet salopp formuliert – hoffen auf Glück und Zufall. Manchmal funktioniert das für einen Moment. Auf lange Sicht allerdings nicht.

Anleger, die so vorgehen, machen sich zum Spielball von Ereignissen, die sie nicht beeinflussen können. Der psychische Druck bei diesen Marktteilnehmern ist so enorm, dass irgendwann der Kessel explodiert. Dann kapitulieren diese Marktteilnehmer und lassen sich zu Handlungen hinreißen, die dramatische Folgen haben können.

Beispiele dafür sind das permanente Buy the Dip-Verhalten (Verbilligen von Positionen) oder ohne Stopps im Markt zu agieren. Bei ETFs funktioniert das auf sehr lange Sicht – zumindest zeigt das die bisherige Börsenhistorie. Bei Einzelaktien kann so eine Vorgehensweise in den Ruin führen.

In einem Blogbeitrag vom August 2019 habe ich unter der Überschrift „Rumrutsch-Faktor“ zu diesem Thema folgendes geschrieben:

„Rumrutsch-Faktor“ bedeutet salopp gesagt folgendes: Wenn du vor Aufregung auf deinem Stuhl herumrutschst, während du auf die Börsenkurse schaust oder wenn du den Blick in dein Aktiendepot einfach nicht mehr erträgst, wenn du stündlich die Kurse checkst und hoffst, dass sie vielleicht wieder ein bisschen steigen – dann ist der „Rumrutsch-Faktor“ bei dir extrem hoch. Dann rutschst du auf deinem Stuhl herum und weißt vor lauter Nervosität gar nicht mehr wohin mit dir. In diesem Falle ist die eindeutige Botschaft: Das Risiko in deinem Aktiendepot ist zu groß. In dem Falle musst du aktiv werden. Positionen abbauen, Positionen auswechseln, passive Aktien bevorzugen statt der hot stocks. Das machst du so lange, bis du wieder ruhig auf deinem Stuhl sitzen kannst.

Der „Rumrutsch-Faktor“: Risiko im Aktiendepot ganz anders definiert!

Krise an der Börse: Cash ist King! 

Der vorausschauende Investor ist vorsichtig und lässt sich nicht vom tagesaktuellen Geschehen ablenken. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ein ausreichendes Cashpolster ein wunderbar glättender Faktor für das gesamte Depot ist.

Genügend Cash erzeugt auch eine mentale Stabilität, weil man dadurch immer handlungsfähig bleibt. „Wer kein Eigenkapital hat, kann niemanden anpinkeln“, sagte schon Gordon Gekko in dem Film Wall Street. Wer jetzt liest und denkt, „Ja, das mit dem Cash das hätte ich mal vorher wissen sollen, ich hab jetzt aber kein Cash“, dem kann ich versichern: Die nächste Krise kommt bestimmt.

Die aktuellen Verwerfungen werden nicht die letzten sein, die man als Anleger auf lange Sicht durchmacht. Deshalb kann man auch in der aktuellen Krise an der Börse viel lernen. Wer sich jetzt ärgert, dass er im Vorfeld nicht so perfekt reagiert hat, der kann trotzdem genügend lernen und beim nächsten Mal besser machen. 

Krise an der Börse: Was kann ich beim nächsten Mal besser machen?

Bei der nächsten Krise könnte man in vorher gestiegenen Kursen diverse Positionen, die gut im Gewinn liegen, halbieren, komplett abbauen oder mit harten Stopps absichern. In guten Zeiten für die schlechten Zeiten vorsorgen, in dem man eine Cashreserve aufbaut, ist nie verkehrt. 

Cashreserve heißt ja nicht, dass man mitten in einer ausgewachsenen Korrektur oder gar eines Crashs anfängt, 200 Euro von seinem Gehaltscheck auf ein Sparkonto zu übertragen. Das ist natürlich zu spät. Das ist auch nicht die Masse an trockenen Pulver, mit der man dann wirklich strategisch gute Nachtkäufe tätigen kann.

Es geht darum, als Anleger zu lernen, konträr zu denken in Bezug auf den Trend des Gesamtmarktes. Konträr denken heißt – in guten Zeiten Vorsorge treffen für die schlechten und in schlechten Zeiten dann die Möglichkeit haben, proaktiv zu handeln zu können.

Das Paradoxe an den Finanzmärkten ist, dass wir Dinge, die wir im realen Leben für völlig normal halten, an den Märkten vollkommen anders interpretieren oder ignorieren. Wer sich an den Finanzmärkten engagiert, bewegt sich in einer Umgebung der permanenten Unsicherheit. Und nach dieser muss man sein Handeln ausrichten. Jeder, der ein Auto besitzt, geht ja nicht davon aus, dass dieses Auto niemals in die Werkstatt muss und dass man niemals den Reifensatz erneuern muss. Oder man nie in einen Unfall verwickelt wird.

Wieso sollte das bei meinem Depot anders sein? Da gibt es eben auch mal ein paar rostige Stellen in der Karosserie und auch die Bremsleitung muss überprüft werden, um im Bild zu bleiben. So etwas passiert. Man bereitet sich auf solche Ereignisse vor.

Für sein Auto macht man einen Termin in der Werkstatt und lässt es überprüfen. Man legt Geld zurück für diese Reparaturen. Man schließt auch eine Versicherung ab für ungewöhnliche Ereignisse, Unfälle oder Diebstähle. 

Im normalen Leben nennt man so etwas Vorsicht oder kluges, vorausschauendes Denken. Auf die Finanzmärkte übertragen und auf sein Portfolio sollte man exakt genau so vorgehen. Vorausschauend, vorsichtig und immer mit einem Plan B in der Hinterhand. 

Was definitiv immer in Krisenzeiten funktioniert: Alle Geräte ausschalten und bei einem langen Spaziergang tief durchatmen. Auszeit von der Börse in regelmäßigen Abständen ist immer eine gute Idee. Das wusste schon Jesse Livermore, wenn er sagte: „Ich geh dann mal angeln“. 

Photo by Towfiqu barbhuiya on Unsplash

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