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Quantitatives Aktienscreening: Vor- und Nachteile!

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Wie funktioniert quantitatives Aktienscreening bei mir? Wie finde ich neue Kandidaten für mein Aktiendepot? Welche Vorteile hat diese Vorgehensweise und was für Nachteile gibt es? Ein kurzer Überblick.

Beim quantitativen Aktienscreening gehe ich systematisch vor. Der Vorteil dieser Vorgehensweise ist, dass nicht ich die Aktien finde, sondern der Screener findet sie. Emotionen werden ausgeblendet und ich stoße zu 99 Prozent nicht auf die Aktien, die von der Masse der Privatanleger gefunden werden. 

Vorteil quantitatives Aktienscreening: ein festgelegter Plan für Investments! Keine Emotionen!

Diese sind nämlich meistens zu teuer, da sie zu große Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ich mag die Hidden Champions, die mir Geld aufs Konto schaffen. Nach dem Screening-Prozess optimiere ich die Auswahl, indem ich den Aktienkorb einem Backtest unterziehe. Ich sehe dann, wie diese Aktien in den letzten X Jahren performt haben. Das ist keine Garantie, dass es auch in Zukunft klappt. Auch mir bleiben Flops nicht erspart. Der Unterschied ist: Ich habe ein geprüftes System und dieses System gibt mir Sicherheit. Ich kenne die Abläufe innerhalb des Systems und weiß zu jeder Zeit, was ich tun muss. Mehr muss eine systematische Vorgehensweise nicht bieten.

Vorteil von quantitativem Aktienscreening ist die antizyklische Vorgehensweise!

Grundsätzlich suche ich in den Sektoren, die in den letzten 12 Monaten besonders schlecht gelaufen sind. Die Chance, hier auf Aktien zu stoßen, die ein gutes (asymmetrisches) CRV (Chance-Risiko-Verhältnis) bieten, ist größer als in den Sektoren, die gerade en vogue sind und stark nachgefragt werden. 

Wenn eine Aktie große Aufmerksamkeit seitens der Anleger erfährt, dann äußert sich dieses Interesse in gesteigerter Nachfrage. Gesteigerte Nachfrage zieht höhere Preise nach sich. Der Kurs steigt und die Aktie wird immer teurer. Da der Kurs anzieht, bemerken noch mehr Anleger diese Aktie und wollen auch noch aufspringen. Die Folge sind weitere Preissteigerungen. Die Bewertung der Aktie verschiebt sich von günstig zu teuer. Der letzte Käufer ist wie immer der Dumme.

Deshalb schau ich mir grundsätzlich nicht die Aktien an, die aktuell gerade in Mode sind. Es gibt meistens ein Unternehmen im selben Sektor, das besser bewertet und damit günstiger ist. Oder ich suche gleich in den Sektoren, die in den letzten 12 Monaten schlechter gelaufen sind. Warum? Weil ich an das Prinzip der Rückkehr zur Mitte glaube. Das bedeutet in diesem Fall, dass Aktien, deren Kurs sich in den letzten 12 Monaten sehr weit nach unten von der 200-Tage-Linie entfernt hat, gute Chancen haben, diese wieder anzulaufen. 

Ein Beispiel für quantitatives Aktienscreening!

Wie könnte ein quantitatives Screening aussehen? Dazu ein Beispiel mit der Eigenkapitalrendite (ROE): Unternehmen XY hat 15% ROE. Für 10% und mehr gibt es 1 Punkt, für 15 % und mehr 2 Punkte und für 20 % und mehr gibt es 3 Punkte. So kann man das für sämtliche Kennzahlen durchführen, die man bei einer Aktienbewertung für wichtig hält. Im Ergebnis erhält man für die Aktien auf seiner Watchlist verschiedene Gesamtpunkte und kann sich für die besten drei Aktien auf der Watchlist entscheiden bzw. diese noch genauer prüfen. 

Wenn jetzt die Charties um die Ecke kommen und sagen, dass diese Methode nur für Fundamentalanalyse funktioniert, dann sage ich, dass das nicht so sein muss. Auch für Entries, die auf Charttechnik basieren, kann man Punkte vergeben – je nachdem, welche Indikatoren oder Patterns man zum Beispiel verwendet. 

Ein weiterer Vorteil von der Verwendung quantitativer Kriterien beim Kauf/ Verkauf von Aktien ist, dass ich die verflixten Emotionen komplett herauslasse aus dem Entscheidungsprozess. Das spart eine Menge Nervenkraft. 

Wichtig in diesem Zusammenhang ist eine gute Dokumentation seiner Trades beziehungsweise Investments. Denn nur so kann ich im Nachhinein auswerten, was besonders gut funktioniert hat und was eher nicht. Warum ich es wichtig finde, seine Erfahrungen und Ziele schriftlich festzuhalten, kannst du in diesem Artikel lesen.

Nachteil quantitatives Aktienscreening: eingeschränkte Sichtweise!

Der große Nachteil eines quantitativen Vorgehens beim Finden von Aktien zum Beispiel ist seine Begrenztheit. Diese besteht darin, dass der Durchführende des Screenings sich auf festgelegte Kriterien beschränken muss. In dieser Beschränkung liegt das Problem. Wie kann man im Rückblick feststellen, ob die verwendeten Kriterien die richtigen waren oder ob nicht andere Kriterien zu einem besseren Ergebnis geführt hätten? Hier stößt die Vorgehensweise an ihre Grenzen. Den Zufall können wir niemals eliminieren.

Das ist das Dilemma: Wir müssen die Kriterien einschränken, aber wir schränken dadurch die Möglichkeiten ein – und zwar um ein Vielfaches. Denn die Reduzierung von Kriterien von 10 auf acht (= 2) impliziert nicht gleichzeitig eine Reduzierung der Möglichkeiten um 2. Man kann annehmen, dass die Möglichkeiten, die man nicht prüft, um ein Vielfaches höher liegen als nur 2.

Nachteil quantitatives Aktienscreening: Der Zufall kann nicht eliminiert werden!

Durch das Weglassen von Einflussfaktoren schaffen wir eine fiktive Umgebung, die auf Daten aus der Vergangenheit beruht. Wir schließen damit aber unvorhersehbare Ereignisse aus, die sogenannten „Schwarzen Schwäne“. Wir können diese weggelassenen Einflussfaktoren auch nicht im Nachhinein wieder implementieren. 

Folgende Aussage des deutschen Philosophen, Theologen und Pädagogen Georg Picht trifft es ganz gut: 

„Die Wissenschaft des technischen Zeitalters beruht auf der methodischen Isolierung einzelner Ketten von Phänomenen. Das Geflecht der Interpedenzen wird zerschnitten, die störenden Faktoren werden ausgeblendet, um experimentelle Bedingungen herzustellen, die eine methodische und technische Beherrschung bestimmter Vorgänge erlauben. Was im Ansatz des Verfahrens ausgeblendet wurde, kann nicht nachträglich wieder eingeführt werden. Die Blindheit gegenüber den Sekundäreffekten ist deshalb geradezu das Prinzip der Wissenschaft, die unsere Welt gestaltet.“

Georg Picht

Der bekannte Arzt, Psychoanalytiker und Schriftsteller Alexander Mitscherlich ergänzt in seinem Buch „Thesen zur Stadt der Zukunft“:

„Wer die Zukunft prognostizieren will, sollte sich gesagt sein lassen,  dass wir dabei durch unser Wissenssystem verführt werden zu ignorieren, was wir gerade nicht ignorieren dürfen, die Verschränkung und Verfilzung von Effekten und Nebeneffekten.“

Alexander Mitscherlich, Thesen zur Stadt der Zukunft

Photo by Ryoji Iwata on Unsplash

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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • LetMoneywork050 von Twitter
    Juni 29, 2020 2:46 pm

    Man sieht an deinem Beitrag, dass die Auswahl von Firmen (Kauf) und Verkauf nicht einfach ist. Ich verstehe was du schreibst. Das System muss zum Investor/Trader passen. Das ist meine Meinung. Deinen Punkt verstehe ich, Susanne Levermann hat das auch so beschrieben mit ihren Punktesystem.

    Ich habe da aufgehört Punkte zu vergeben (kann ich begründen,geht aber für einen Kommentar zu weit) und verschaffe mir ein Gesamtbild vom Unternehmen an. Mit der Zeit hat sich hier einfach Erfahrung gesammelt bei mir. Daniel Kahnemann sagte ja in seinem Buch, dass Erfahrung etwas ist, was man gesammelt hat durch das Tun und daher wird der Experte (also z.B. du und ich ;-)).

    Hauptsache ist, denke ich, dass man ein System hat mit dem man in Aktien investiert.

    Gruß
    LetMoneywork050 von Twitter

    Antworten
    • Genau das war der Plan beim Schreiben 😉 Ich wollte mich schreibend sozusagen der Problematik nähern, dass es unmöglich ist, DAS Handelssystem zu finden. Es kann sich höchstens um Näherungsversuche handeln. Aber immerhin, denn wie du richtig schreibst, komme ich bei der Beschäftigung mit dem Thema und meiner Annäherung letztendlich zu meinem eigenen Handelsansatz. Es ist egal, ob quantitativ, charttechnisch oder intuitiv oder Price Action… Hauptsache, es passt zu dir, hat einen positiven Erwartungswert und du kannst diesem Plan jederzeit folgen. Gruß und gute Trades, Tino

      Antworten

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