Reflexionen

Skin in the Game: Agieren wie ein Unternehmer!

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Skin in the Game ist der Titel eines Buches von Nassim Nicholas Taleb. Aber darum soll es in diesem Artikel nicht gehen. Ein Lesetipp ist es sowieso. Aber unabhängig von dem Buch kann man Skin in the Game und seine Bedeutung auch bei Jack London finden. In seinem weltberühmten Roman „Lockendes Gold“ beschreibt er eine Situation, die sehr viel mit Skin in the Game, Unternehmergeist, Risikobereitschaft und der Einschätzung von Gewinnchancen zu tun hat. 

Der Plot im ersten Drittel des großen Romans von Jack London ist folgender: Zwei Goldsucher beanspruchen im Alaska des Jahres 1896 ein großes Gebiet am Klondike River. Wie damals üblich, lassen sie diesen Claim auf ihre Namen eintragen. Damit sichern sie sich die Schürfrechte in dem Gebiet. Es geht um die Goldvorkommen, die dort vermutet werden. Mehr zum Buch findest du bei Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Lockruf_des_Goldes 

Das Ganze fand vor dem großen Goldrausch im Gebiet in Alaska statt. Zu dieser Zeit war der Klondike nur irgendein Fluss in diesem riesigen Gebiet und nicht das Synonym für die Chance auf schnellen Reichtum. Die beiden Männer tragen also diesen Claim ein. Die Hauptfigur des Romans, Elam Harnish, vermutet ganz in der Nähe ebenfalls eine große Goldader und lässt diesen Claim ebenfalls eintragen. Er träumt nicht nur davon, Gold zu finden – seine Vision ist viel größer. Er denkt wie ein Unternehmer.

Ein neues Bild entstand vor ihm. Er sah die fiebernde Stadt seiner Träume – die Goldmetropole des Nordens, die auf einer hohen Uferböschung  den Yokon überragte und sich tief in die Ebene erstreckte. Er sah die Flussdampfer in dreifacher Reihe an der Böschung vertäut, er sah die Sägemühlen arbeiten und die langen Hundegespanne mit doppelten Schlitten Vorräte nach den Goldgruben schaffen. Und weiter sah er die Spielsäle, Banken, Börsen und alles Beiwerk, die Jetons und Rechenmarken, die Chancen und Gelegenheiten eines weit größeren Glücksspiels, als er es je gesehen.

Jack London, Lockendes Gold

Jetzt wird es interessant. Harnish sucht eine Möglichkeit, wie alle drei von einem möglichen Goldfund auf ihren Claims profitieren können. Seine Überlegung ist rational und zeichnet den Geschäftsmann aus, der er im weiteren Verlauf des Romans wird. Wenn in dieser Gegend irgendwann einmal Gold gefunden werden sollte, so sein Gedankengang, aber zum aktuellen Zeitpunkt noch keiner genau weiß, wann und wo, dann würden alle drei am besten fahren, wenn sie sich am Claim der jeweils anderen Partei beteiligen würden.

Ganz beiläufig drängte sich ihm der Gedanke auf, Harper und Joe Ladue einen Anteil ihres Stadtgeländes am Klondike abzukaufen. Sicher würden sie ihm ein Anrecht auf ein Drittel billig abtreten. Fände man dann das Gold am Stewart, so wäre er mit seinem eigenen Stadtgelände groß im Geschäft; fände man es jedoch am Klondike, so wäre er nicht ganz vom Geschäft ausgeschlossen.

Jack London, Lockendes Gold

Die Chancen aller Beteiligten würden sich signifikant erhöhen, ohne dass das Risiko erhöht wird. Wenn Harnish ein Drittel seines Claims den anderen beiden überschreibt und diese ihm ein Drittel ihres Claims überschreiben, haben die drei Goldsucher eine Überkreuzbeteiligung geschaffen. Sie erhöhen ihre Chancen auf Gewinne bei gleichbleibendem Risiko für die Beteiligten. 

Aber damit ist der Protagonist des spannenden Romans noch nicht am Ende seiner Überlegungen angelangt. Sein Plan geht noch weiter. Wenn in diesem Gebiet Gold gefunden wird, dann wird das unzählige Goldsucher auf den Plan rufen und es wird ein Ansturm aller Glücksritter in dieses Gebiet erfolgen. Zu den Goldsuchern käme in einem solchen Szenario noch der Tross an Menschen dazu, der bei solchen Aktionen immer zwangsläufig mit dabei ist. Und diese Menschen müssten alle ernährt werden. Sie müssten essen und irgendwo wohnen, um jeden Tag zu arbeiten, also Gold zu suchen. 

Deshalb nimmt er in der nächstgelegenen Siedlung einen Kredit auf bei anderen Goldsuchern, um sämtliche Mehlvorräte zu kaufen. die er bekommen kann. Alles in allem kann er zwei Tonnen gelagertes Mehl erwerben. 

„Weißt du noch ‚nen Tipp?“, erkundigte man sich.

„Na klar“, antwortete er, „Mehl wird diesen Winter oben am Klondike bestimmt so knapp werden, dass man jeden Preis dafür bezahlt. Wer leiht mir Geld?“

Im nächsten Augenblick umdrängten ihn 20 von den Männern, die es abgelehnt hatten, ihn auf ein aussichtsloses Abenteuer zu begleiten, und boten ihm ihre Goldbeutel an.

„Wieviel Mehl brauchst du?“ fragte ihn der Fillialleiter der Alaska Commercial Company.

„Etwa zwei Tonnen.“ (…)

„Mein Gott, was willst du bloß mit dem ganzen Zeug anfangen?“

„Das werde ich dir so einfach wie das kleine Einmaleins auseinanderposamentieren. (…)

„Tipp Nummer eins: Im Oberland wird ein großer Goldfund gemacht. Tipp Nummer zwei: Carmack hat es entdeckt. Tipp Nummer drei: Da gibt’s gar nichts zu tippen. Ist ‚ne bombensichere Sache. Wenn eins und zwei stimmen, dann klettern die Mehlpreise bis in den Himmel. Wenn ich auf Tipp Nummer eins und zwei setze, dann muss ich auch auf so ne bombensichere Sache setzen wie Tipp Nummer drei. Wenn ich Recht habe, dann wird man diesen Winter Mehl mit Gold aufwiegen. Lasst euch das gesagt sein, Jungs, wenn ihr ne Chance wittert, dann setzt alles auf eine Karte. Was nützt euch das Glück, wenn ihr’s nicht beim Schopfe packt?

Jack London, Lockendes Gold

Die Masse der Goldsucher belächelt ihn mitleidig und schüttelt den Kopf über diese irrsinnige Vorgehensweise von Harnish. Als er in aller Öffentlichkeit anbietet, dass er auch noch Teilhaber für seine Expedition in das Gebiet sucht, wo sein Claim liegt, winken natürlich alle ab. 

„Er ist da, der Goldfund am Oberlauf. Und ich sag euch klipp und klar, jetzt ist’s soweit. Solch Gold hat noch keiner in diesem Lande im Beutel gehabt. Das ist neues Gold. Es steckt mehr Silber drin. Ihr könnt es an der Farbe sehen. Carmack hat bestimmt eine Lagerstätte entdeckt. Wer hat Vertrauen und kommt mit mir mit?“

Niemand meldete sich. Stattdessen ertönten Gelächter und Spottrufe. 

„Vielleicht hast du da oben ein Baugelände“, deutete einer an.

„Klar hab ich“, lautete die Entgegnung, „und an dem Gelände von Harper und Ladue bin ich mit einem Drittel beteiligt. Und ich sehe schon, dass mir meine Eckparzellen mehr einbringen werden, als ihr je am Birch Creek wie die Hühner aus dem Boden gescharrt habt.“

Jack London, Lockendes Gold

Ihre Begründung: In diesem Gebiet ist noch nie Gold gefunden worden und deshalb halten sich alle an die bereits bekannten Goldadern und versuchen dort, kleine bis kleinste Mengen Gold aus dem Wasser der Flüsse zu schürfen. Niemand hat so viel Fantasie und denkt über die Möglichkeit nach, dass es nicht nur an den bekannten Stellen in Alaska Gold gibt, sondern dass das auch an noch unbekannten Stellen der Fall sein könnte. Dafür reicht die Fantasie der meisten nicht aus. 

Die Männer grinsten und schüttelten den Kopf. So etwas hatte es schon früher gegeben, dass Leute so taten, als hätten sie ein Goldvorkommen entdeckt. Das war ein zu offensichtlicher Schachzug von Harper und Joe Ladue, die auf diese Weise Goldsucher in die Nachbarschaft ihres Geländes und ihrer Handelsstation locken wollten.

Jack London, Lockendes Gold

Wir haben hier ein wunderbares Beispiel aus der Literatur, wie unternehmerisches Denken und vor allem unternehmerisches Handeln in der Praxis funktioniert. Ich hätte übrigens statt Jack London, wo man diese Parallele eher nicht erwartet hätte, auch Theodore Dreiser mit seiner Cowperwood-Trilogie heranziehen können oder Upton Sinclair mit seinem Roman „Öl“ (übrigens hervorragend verfilmt in „There will be Blood“ mit Daniel Day-Lewis), nicht zu vergessen Frank Norris „Die Getreidebörse“.

Es gibt in diesen Romanen einige Punkte, die auch in der heutigen Zeit ihre absolute Berechtigung haben, wenn wir über unternehmerisches Denken und Handeln sprechen. 

Skin in the Game: Ohne persönliches Risiko kein Gewinn!

Wenn das Risiko für eine Unternehmung überschaubar bleibt, die Gewinnmöglichkeiten aber beinahe astronomisch werden, ist es ein Deal, den ein unternehmerisch denkender Mensch machen muss. Trotzdem gehen nur wenige diese Risiken ein. Das erinnert mich an eine Aussage von Jens Rabe www.jensrabe.de , die er einmal in einem seiner YouTube Videos gemacht hat. Auf die Frage, was er Leuten empfehlen würde, die finanziell unabhängig werden wollen, antwortete er nicht, wie von allen erwartet: Trading. Was im ersten Moment erstaunlich ist, denn Rabe ist Optionshändler und Trader. 

Jens Rabe gab eine andere Antwort auf die Frage. Seine erste Wahl, wenn er finanziell unabhängig werden will, wäre es, Unternehmer zu werden. Seine Antwort ist bei genauerem Überlegen logisch. Als Unternehmer, so Rabe, habe er die Möglichkeit, sein Risiko zu kalkulieren, und hätte gleichzeitig die Chance auf Gewinnmöglichkeiten, die weit überdurchschnittlich sein können. Das unternehmerisches Denken nichts mit dem populären Begriff des Scheiterns zu tun haben muss, habe ich in diesem Artikel beschrieben.

Diejenigen, die in dem Roman „Lockendes Gold“ von Jack London den Goldsucher Elam Harnish ausgelacht haben, als er sein Angebot einer Teilhabe aussprach und die gesamten Mehlvorräte aufkaufte, sind vergleichbar mit den heutigen Angestellten, die einen vermeintlich sicheren Job haben mit einem vermeintlich sicheren Einkommen. 

Skin in the Game: Die Denkfehler!

Diese Menschen machen gleich zwei eklatante Denkfehler. Zum einen ist ihre sogenannte Sicherheit nicht wirklich vorhanden, denn ihre Jobs sind jederzeit kündbar. Das nenne ich Unsicherheit. Zum anderen ist die Gewinnmöglichkeit bei ihren Jobs nach oben begrenzt. Gehälter wachsen nicht in den Himmel. Es ist schon schwer genug, real mehr Geld zu verdienen, auch wenn die Gehaltserhöhungen suggerieren, dass sie regelmäßig mehr Geld für den gleichen Job verdienen. Aber dieser Trick nennt sich Inflation und sollte bekannt sein. Fakt ist: Angestellte tauschen ihre Zeit gegen Geld. Und es ist viel Zeit, die sie eintauschen. Wertvolle Lebenszeit, die niemals ersetzt werden kann. Dazu kommt, dass ihr Gehalt nach oben gedeckelt ist und als ob das nicht schon schlimm genug ist, haben sie keine Möglichkeit, der extremen steuerlichen Belastung (wir sprechen speziell von Deutschland) auszuweichen. Der Unternehmer kann Steuern steuern, wie das so schön wie wahr in dem gleichnamigen Buch von Johann C. Köber dargestellt ist.

Natürlich kann nicht jeder ein erfolgreicher Unternehmer werden. Viele, die es versuchen, scheitern. Sie scheitern mit ihrer Idee, obwohl sie alle erforderlichen Fähigkeiten und ein positives Mindest mitbringen. Der erfolgreiche Unternehmer braucht nämlich auch eine gehörige Portion Glück und der Zufall spielt beim Erfolg auch eine große Rolle. Nassim Taleb schreibt darüber in seinen Büchern. Wenn wir die Vorgehensweise erfolgreicher Unternehmer studieren, dann studieren wir die Vorgehensweise derer, die den Ausleseprozess überlebt haben. Wir können nur von denen lernen, die nach jahrelanger Arbeit immer noch in ihrem Business aktiv sind. Wir kennen sie. Wir kennen ihr Geschäft. Sie sind bekannt in ihrer Nische.

Von den anderen wissen wir nichts, obwohl sie dieselben Fähigkeiten und Qualitäten hatten. Und das hat eben nicht nur etwas mit Einstellung und Risikobereitschaft zu tun. Sondern mit Survivorship Bias. Rückschlüsse auf bestimmte Charaktereigenschaften und Fähigkeiten, die Unternehmer mitbringen müssen, um erfolgreich zu sein, hinterlassen einen falschen Eindruck. Weil sie nur von einem Teil der Gruppe der Unternehmer bekannt sind – von denen, die ins Ziel gekommen sind. Von denen, die überlebt haben. Um wirklich die entscheidenden Charaktereigenschaften und mentalen Fähigkeiten von Unternehmern zu definieren, müssten wir aber alle Unternehmer in der Statistik erfassen, auch die, die mit ihrem Projekt und ihrer Idee gescheitert sind.

Ich musste diese Gedanken aufschreiben, auch wenn sie nichts mit den Finanzmärkten oder Optionshandel zu tun haben. Denn wie es der Zufall wollte, habe ich vor einigen Tagen das Buch „Skin in the Game“ von Nassim Nicholas Taleb beendet und war wie immer, wenn ich seine Bücher lese, extrem inspiriert und begeistert. Es ist schwere Kost, aber es lohnt sich. Taleb ist in der Lage, seine Leser zu neuen eigenen Gedankengängen zu motivieren. Ich finde das sehr erfrischend. Parallel zu Talebs Buch hatte ich mir als unterhaltsame Abendlektüre den Roman „Lockendes Gold“ von Jack London aus meiner Bibliothek geangelt und mich damit in die Welt der Abenteurer, Goldsucher und Finanzhaie des späten 19. Jahrhunderts versetzt. Und weil Zufälle eben doch nicht so zufällig sind, wie man denkt, bin ich beim Lesen genau auf diese Variante von Skin in the Game in dem Roman gestoßen.

Photo by Ernest Karchmit on Unsplash

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