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Urteile und Entscheidungen: Wie kommen sie zustande?

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Wie funktioniert unser Gehirn, wenn es Urteile und Entscheidungen trifft. Inspiriert von dem wunderbaren Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahneman, gehe ich dieser Frage nach.

Dieser Artikel ist keine Buchvorstellung. Vielmehr der Versuch, das Gelesene schriftlich zu reflektieren, um zu sehen, ob ich den anspruchsvollen Inhalt von Kahnemans Buch verstanden habe. Es ist also eine Selbstreflexion über etwas, was ich gelesen habe und jetzt verinnerlichen möchte.

Ich empfehle die Vorgehensweise, etwas Gelerntes aufzuschreiben übrigens allen, die noch nicht ihren eigenen Weg gefunden haben, wie sie am besten lernen. Jeder lernt anders. Jeder favorisiert andere Mittel, um Gelerntes zu verinnerlichen und dauerhaft im Gedächtnis zu behalten. Ich persönlich lerne Neues am besten, wenn ich über etwas schreibe, das ich gehört oder gelesen habe. Der kreative Prozess des Schreibens sorgt dafür, dass ich mich konzentrieren und strukturiert an das Thema herangehen muss. Mehr zu diesem Thema kannst du in diesem Artikel lesen.

Als Prämisse stelle ich kurz die Grundlage von Kahnemans Forschungen auf dem Gebiet der Psychologie und Verhaltensökonomie vor, die er gemeinsam mit Amos Tversky vorgenommen hat. Diese sind in dem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ veröffentlicht. Eine ausführliche Buchrezension kannst du in diesem Artikel lesen.

Urteile und Entscheidungen: Das Modell von Daniel Kahneman!

Die Grundlage in Kurzform lautet: Dem Menschen stehen zwei Systeme im Gehirn zur Verfügung, die Entscheidungen jeglicher Art beeinflussen: System eins ist der schnelle, bildhafte, nach Kausalitäten suchende, emotionale Teil. System zwei ist der rationale Teil, der statistisch denkende, abwägende, prüfende und exakt urteilende. System eins trifft Entscheidungen schnell und ohne Zweifel!

Wenn man bestimmte Urteile und Entscheidung treffen möchte oder muss – zum Beispiel für den Kauf einer Aktie, für die Verwendung einer bestimmten Investmentstrategie, für den Kauf eines Luxusartikels oder den nächsten Urlaub – dann trifft man diese Urteile und Entscheidungen in den meisten Fällen nach im ersten Moment nach Kriterien von System eins. System eins liebt einfache, schnelle Entscheidungen, die sich am besten durch eine (erfundene) Geschichte und Verknüpfungen mit anderen, ähnlichen Geschichten förmlich aufdrängen. 

Aufgrund dieser Funktionsweise des Gehirns fühlen sich diese schnellen Entscheidungen so gut an, dass wir sie selten bis nie anzweifeln und schon gar nicht überprüfen. So sind natürlich jede Menge Möglichkeiten des Scheiterns indirekt eingebaut. 

System eins berücksichtig nämlich nur die Informationen, die aktuell im Moment der Entscheidungsfindung verfügbar sind. Diese Informationen werden wiederum mit Erlebnissen und Situationen aus der Vergangenheit abgeglichen. Durch diesen „Schnell-Test“ kommen wir binnen kurzem zu umsetzbaren Entscheidungen. Zusätzlich werden diese Informationen positiv überbetont, weil sie in Zusammenhänge gestellt werden, in denen sie subjektiv Sinn ergeben und weil sie durch vergangene Situationen, in denen man vor ähnlichen Entscheidungen stand, unterstützt werden. 

Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Entscheidungen auch wirklich sinnvoll sind. Das wäre schon einmal eine Fehlerquelle, die zum Scheitern einer Idee, einer Erfindung und eines Unternehmens führen kann. 

Urteile und Entscheidungen: Optimismus wirkt motivierend! Aber ist das hilfreich?

Das Interessanteste aber ist die Rolle, die Optimismus bei der Entscheidungsfindung spielt. Optimismus ist von seiner Wortbedeutung her grundsätzlich positiv besetzt. Aber gerade bei neuen Ideen, die man umsetzen möchte oder und einer Firma, die man gerade gestartet hat, ist übermäßiger Optimismus möglicherweise ein entscheidender Grund für das Scheitern. Das Trickreiche am Optimismus ist folgendes:

Wer irgend etwas ausprobiert, etwas Neues versucht, sei es ein neues Hobby oder die Gründung eines Unternehmens oder die Beurteilung für den Kauf einer Aktie, der MUSS zuerst einmal Optimist sein, um seine Idee in die Praxis umzusetzen. Optimismus ist die Vorbedingung für jegliches Tun. Je optimistischer jemand eine Sache angeht, desto mehr Schwung bekommt sie und desto kraftvoller wird in die Umsetzung der Idee investiert. 

Wenn dieser Optimismus aber zu groß wird, sodass man seine eigenen Fähigkeiten und seine persönliche Einschätzung einer Situation höher bewertet als tatsächlich realistisch gegeben, dann ist Optimismus wiederum eine der größten Fehlerquellen bei der Umsetzung von Ideen in die Praxis. 

Urteile und Entscheidungen: Sind Algorithmen hilfreich?

Wie kann man diesem Paradoxon eine Kontrollinstanz zur Seite stellen? Das beste wäre in der Tat, wenn mal Algorithmen zur Erfassung sämtlicher verfügbarer Daten nutzen würde, die für das Investment, für die Erfindung, für die Geschäftsidee, für das Unternehmen vorhanden sind. Das würde bedeuten, dass man alles doppelt und dreifach recherchieren muss, um so viele Informationen wie möglich zu sammeln. Die Auswertung dieser Daten muss neutral geschehen.

Dafür muss man sich eine konkrete Vorgehensweise überlegen, wie diese recherchierten Daten verarbeitet werden, in welcher Reihenfolge sie verarbeitet werden, ob sie womöglich unterschiedlich gewichtet werden bei der Auswertung gemäß des Konzepts, dass es weniger wichtige Daten gibt und besonders wichtige und womöglich entscheidende Daten. Wie sehr die Reihenfolge, mit der wir Informationen verarbeiten, einen Einfluss auf deren Beurteilung hat, kannst du in meinem Artikel über Behavioral Finance lesen. 

Gleichzeitig steigt mit jeder Hinzunahme von Kriterien für Urteile und Entscheidungen die Fehleranfälligkeit des ganzen Bewertungssystems. „Zu viele Köche verderben den Brei“, sagt ein Sprichwort. Das gilt auch für zu viele Kriterien bei einer Analyse. Hier stehen wir also erneut vor der Frage, wie wir die Urteile und Entscheidungen, die System eins getroffen hat, mit unseren analytischen System zwei kontrollieren können, ohne in eine neue Falle zu tappen.

Mit der „Prä-mortem-Methode“ das Scheitern durchspielen!

Hat man keinen Algorithmus zur Verfügung, hat sich die „Prä-mortem-Methode“ des Psychologen Gary Klein bewährt. Diese Methode funktioniert so: Man stellt nach ausgiebigen Recherchen ein fertiges Konzept für ein neues Investment einer anderen Person vor. Man könnte es quasi auch sich selbst vorstellen, muss dabei aber unbedingt darauf achten, nicht von vornherein eine Variante zu bevorzugen.

Diese Person fordert man auf, sich gedanklich ein Jahr in die Zukunft zu begeben und eine Geschichte zu erfinden und schriftlich festzuhalten, wie das aktuell auf dem Tisch liegende Konzept SCHEITERN könnte. Es geht also tatsächlich darum, ein Drehbuch zu schreiben am Tag der Entscheidung für ein Konzept, den Kauf einer Aktie oder die Gründung eines Unternehmens, dass inhaltlich darauf abzielt, das worst-case-Szenario für diese Idee zu formulieren. Man überlegt sich genau, welche Möglichkeiten des Scheiterns es geben könnte. 

Chancengleichheit bei Urteilen und Entscheidungen bringen das beste Ergebnis!

Der Einsatz dieser Methode ist gewöhnungsbedüftig, so viel steht fest. Aber es ist eine sehr gute Methode vor allem deshalb, weil die selben Mechanismen eingesetzt werden wie bei der Konzeption für die Investmentstrategie oder für die Erfindung oder für das Unternehmen. Wenn also Subjektivität und alle Kriterien von System eins bei der Gründung einer Idee einbezogen werden, was man nicht verhindern kann – dann sollten exakt diese Kriterien auch in einem fiktiven Beispiel des Scheiterns verwendet werden. Zumindest kommt durch diese Methode eine gewisse Chancengleichheit bei der Beurteilung einer Unternehmung oder einer Idee zum Einsatz. Wichtig ist nur, dass die selben Kriterien verwendet werden. Beim Brainstorming mit verschiedenen Personen zusammenzuarbeiten und beim Negativ-Szenario nur einen Screener zu verwenden funktioniert nicht. Das wäre schon wieder die Bevorzugung einer Methode gegenüber der anderen.

Photo by Raquel Martínez on Unsplash

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1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

  • Maximilian Bethke
    Oktober 21, 2020 5:41 am

    Hallo Finlog,

    danke, dass du deine Gedanken zum Buch mit uns teilst. Bei diesem Thema finde ich vorallem die Meta-Effekte des Bewusstseins über diese Vorgänge interessant. Wenn ich weiß, wie meine Entscheidungsfinding funktioniert, kann ich manch ein Signal meines Körpers bzw. Kopfes, dass mir vorher vielleicht gar nicht aufgefallen ist, ganz anders deuten.

    Wir alle treffen ständig Entscheidungen, oft ohne dass wir es merken. Man sagt, es sind mehrere hundert am Tag. Zu wissen, wie das funktioniert und was dieses Gefühl im Bauch eigentlich ist, ist ein Skill der für jeden nützlich sein könnte.

    Ich werde mir das Buch jedenfalls auf meine Watchlist setzen 😜

    Viele Grüße
    Maximilian Bethke

    Antworten

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